Wichtige Erfolge der Stammzellforschung

Vor kurzem wurde in Wien die Österreichische Gesellschaft für Stammzellforschung ("Austrian Society for Stem Cell Research") gegründet. Die Gesellschaft hat das Ziel, die wichtigsten Akteure der nationalen Stammzellforschung zu vernetzen, um den Anschluss an die bedeutenden "Stammzell-Hochburgen" in England, den USA, China und nicht zu verlieren. Denn diese Forschung ist sehr teuer und jede Synergie bringt Vorteile - auch im Bereich der Nachwuchsförderung.
Bei Stammzellen handelt es sich um ursprüngliche Zellen, die sich endlos teilen können, um neue Stammzellen zu bilden, die sich zu verschiedenen Zelltypen ausdifferenzieren können. Die biomedizinische Forschung und die Genetik beschäftigen sich in den letzten Jahrzehnten intensiv mit der Frage, wie mit Hilfe von Stammzellen ein besseres Verständnis über krankhafte Vorgänge im Körper erlangt werden kann. Weiters werden sie als Therapieoption bei bisher schwer oder nicht behandelbaren Krankheiten getestet.

Alleskönner Stammzelle

Es gibt mehrere Arten von Stammzellen. Besonders umstritten war und ist die Nutzung der embryonalen Stammzellen. Diese werden am vierten oder fünften Tag nach der In-vitro-Befruchtung aus Embryonen entnommen - diese gehen dabei zu Grunde. Embryonale Stammzellen können jede Körperzelle bilden und werden daher als pluripotent bezeichnet.
Die Stammzellen nach der Geburt heißen adulte Stammzellen und sind für die Regeneration von Geweben zuständig. Sie können allerdings im Gegensatz zu den pluripotenten Zellen nur ihre eigene Zellart, wie etwa Blut- oder Nervenzellen nachbilden. Man kann sie schon aus dem Nabelschnurblut gewinnen.

Genetische Umprogrammierung

Der Forschung ist es gelungen, "induzierte pluripotente" Stammzellen (iPS Zellen) herzustellen. Dabei werden bereits "ausgewachsene"(adulte) Körperzellen genetisch re-programmiert.
Für die zugrundeliegende Forschungsleistung ging 2012 der Nobelpreis für Medizin an den Briten John Gurdon und den Japaner Shinya Yamanaka. Besonders verblüffend war, dass diese Umprogrammierung nach genetischen Maßstäben viel einfacher war, als bis dahin angenommen. iPS Zellen können beliebig vermehrt werden und sind in der Lage, alle Zelltypen nachzubilden. Durch diese Entwicklung eröffnete sich der Stammzellenforschung eine neue, ethisch unbedenkliche Quelle und auch das Problem der Immunreaktion ist dadurch gelöst, weil die Zellen vom jeweiligen Patienten selbst entnommen werden können.

Multiple Anwendungsfelder

Immer öfter werden seit dieser Entdeckung bahnbrechende Ergebnisse der Stammzellforschung publiziert. Pluripotente menschliche Stammzellen werden in klinischen Studien zu Morbus Crohn, Nierentransplantationen, Herzinfarkt, chronischer Herzschwäche und chronischem Gelenksrheuma verwendet. Bald wird es auch erste Versuche bei Morbus Parkinson geben. Eine Therapie für "Schmetterlingskinder", durch Behebung des Gendefekts und Nachzüchtung gesunder Hautzellen, wurde schon erfolgreich getestet.
Es ist mittlerweile auch möglich, Darm-ähnliche "Organoide" aus menschlichen Stammzellen zu erzeugen, an denen in den Niederlanden schon Medikamente getestet werden.

Forschungsstandort Österreich

Weltweit anerkannt ist auch die Stammzellforschung in Österreich. Unser Sendungsgast Jürgen Knoblich und sein Team sorgten für großes Aufsehen, als es ihnen 2013 gelang, aus Stammzellen "Gehirn-Organoide" wachsen zu lassen. Diese dreidimensionalen, einem normalen Gehirn bereits sehr ähnlichen Gewebe, eignen sich hervorragend für die Erforschung von Krankheiten.
Der an der Universität Innsbruck arbeitende Stammzellforscher Frank Edenhofer ist Experte für die Herstellung künstlicher Gehirnstammzellen und kurz davor, eine Therapie mit Stammzellen gegen Multiple Sklerose in die klinische Anwendung einzubringen.

Dieses Mal bekommen Sie einen Einblick in Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschlägers tagtägliche Forschungstätigkeit als Genetiker. Er und seine Gäste informieren Sie über die neuesten Entwicklungen in der Stammzellforschung und welche Rolle diese Zellen in der Medizin spielen können.

Moderation: Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger
Sendungsvorbereitung: Mag.a Sarah Binder
Redaktion: Dr. Christoph Leprich

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

-Welche Hoffnungen setzen Sie in die Stammzellforschung?
-Haben Sie Ängste in Bezug auf die Arbeit an menschlichen Genen?
-Finden Sie die Vorstellung beunruhigend, dass Organe und andere Körpergewebe im Labor nachgebildet werden?
-Begrüßen Sie die Entwicklung, dass wohl bald kaum mehr Tierversuche in der biomedizinischen Forschung nötig sein werden?
-Wie beurteilen Sie die Fördersituation von Wissenschaft und Forschung in Österreich?


Service

Prof. Jürgen Knoblich
Stv. Wissenschaftler Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA), Forscher am IMBA zu Stammzellbiologie und Tumorentstehung, Gastprofessor an der MedUni Wien
Institut für Molekulare Biotechnologie
Dr. Bohr Gasse 3
1030 Wien
Tel.: +43/1/79044/4800
E-Mail
Jürgen Knoblich

Univ.-Prof. Dr. Frank Edenhofer
Professor für Genomik, Stv. Institutsvorstand am Institut für Molekularbiologie der Uni Innsbruck, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Stammzellforschung
Universität Innsbruck
Institut für Molekularbiologie
Technikerstraße 25
6020 Innsbruck
Tel.: +43/512/507 51411
E-Mail
Frank Edenhofer

Netzwerk Europäische Stammzellforschung
Deutsche Gesellschaft für Stammzellforschung
Infos zu Stammzellen der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK)
Schwerpunkt Stammzellen und Klone im Spektrum der Wissenschaft
Was sind iPS-Zellen?

Siddhartha Mukherjee, "Das Gen. Eine sehr persönliche Geschichte", S. Fischer, Frankfurt am Main 2017

Jack Challoner, "Die Zelle - Ursprung des Lebens", Konrad Theiss Verlag, Aalen 2016

Martin Zenke, Lilian Marx-Stölting, Hannah Schickl (Hrsg.): "Stammzellforschung - Aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen", Nomos Verlag 2018

Sendereihe