Radiokolleg - "Wieder weine ich mich in den Schlaf"

Alltag im nationalsozialistischen Österreich (2). Gestaltung: Günter Kaindlstorfer

Im März 1938 brausen Jubelstürme durchs Land, gut sieben Jahre später, im Mai 1945, liegt die "Ostmark" in Schutt und Trümmern. 2614 Tage lang herrschten die Nationalsozialisten über Österreich - eine Zeit des Terrors und der Kriegsschrecknisse, aber auch eine Zeit, in der Millionen Menschen ihren Alltagsverrichtungen nachgingen und sich bemühten, den Krieg so gut es ging zu vergessen.

Liest man die Tagebücher und persönliche Aufzeichungen von Österreicherinnen und Österreichern aus der NS-Zeit, ergibt sich ein klares Bild: In den ersten Wochen und Monaten dominieren noch Jubel und enthusiastische Hitler-Begeisterung, dann trübt sich die Stimmung mehr und mehr ein, bis sie nach der Niederlage vor Stalingrad vollends ins Mutlos-Pessimistische kippt.

"Des Führers Bild steht nunmehr auf unserem Radioapparat", notiert der frischbekehrte Hitler-Anhänger Franz Mixner aus Wien-Ottakring im April 1938: "Ich habe jenes Foto gewählt, auf dem der Führer lächelt". Und der Nationalsozialist Richard Ruffingshofer weiß im Sommer 1938 von einem persönlichen "Arisierungserfolg" zu berichten: "Einen günstigen Möbeleinkauf getätigt", vertraut Ruffingshofer seinem Tagebuch an: "Die Juden sind froh, wenn sie ihre Sachen anbringen: So bin ich preiswert zu einem Esszimmer gekommen".

Die Reichspogromnacht und die permanente Kriegsgefahr ab Sommer 1938 lassen die erste Begeisterungswelle bereits spürbar abebben, der Angriff auf Polen und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bringen dann schon einen deutlichen Einbruch in der Zustimmung zum NS-Regime. "Der Krieg war überhaupt nicht populär", analysiert der Historiker Kurt Bauer, der in seinem Bestseller "Die dunklen Jahre" die Zeit des Nationalsozialismus in Österreich in einer eindrucksvollen Gesamtschau noch einmal rekapituliert: "Die Leute haben sich von Hitler alles Mögliche erhofft - Arbeit und Brot in erster Linie - aber ein Krieg, das war das Letzte, was sie wollten".

"Herzzerreißender Abschied von Fredl", schreibt die Wiener Jus-Studentin Stephanie Johne in ihr Tagebuch, nachdem ihr Bräutigam, der Wehrmachtssoldat Alfred Bamer, eingerückt ist: "Wie trüb und traurig ist schon dieser erste Tag ohne ihn". Wenige Tage später notiert die junge Frau: "Und wieder weine ich mich in den Schlaf, wie immer".

Anhand von Originaldokumenten und selten gehörten Rundfunkaufnahmen dokumentiert die dreiteilige Reihe den Alltag im nationalsozialistischen Österreich.

Service

Josef Schöner: Wiener Tagebuch 1944/45, Böhlau-Verlag

Kurt Bauer: "Die dunklen Jahre - Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich", Verlag S. Fischer.

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