Nahaufnahme eines Holzspieles

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Johanna Schwanberg über Flucht in der bildenden Kunst

"Bilder der Flucht". Anlässlich des Weltflüchtlingstags und des Ö1-Schwerpunktes NORD-SÜD beleuchtet Johanna Schwanberg, Leiterin des Dom Museum Wien, das Thema anhand gegenwärtiger wie historischer künstlerischer Arbeiten. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Ein Schiff voller Menschen. Alle Altersgruppen sind in dem hölzernen Ruderboot vertreten. Sie blicken nachdenklich, ängstlich oder traurig vor sich hin. Ein alter Mann hat die Hände zum Gebet gefaltet, ein junger Bursch winkt zum Abschied. Ihr spärliches Hab und Gut haben die Menschen ins Boot gequetscht.

Wenn ich heute Bilder von vollbesetzten Booten sehe, so denke ich natürlich an die aktuelle Flüchtlingskrise. An all die Menschen, die aus dem afroasiatischen Raum und dem Nahen Osten nach Europa flüchten. Unzählige von ihnen mussten in den letzten Jahren im Mittelmeer ihr Leben lassen. Umso mehr interessiert mich das soeben beschriebene Gemälde aus dem Deutschen Historischen Museum in Berlin. Denn es zeigt eine verwandte Szene. Allerdings hat diese einen komplett anderen, wirtschaftlichen, historischen und soziokulturellen Hintergrund.

Auch gefällt mir, dass diese Darstellung von einer Frau gemalt wurde. Schließlich habe ich nicht allzu oft die Gelegenheit, Bilder von Künstlerinnen vorzustellen, wenn ich über die Geschichte der Kunst spreche.

Das bemerkenswerte Ölbild nennt sich " Abschied der Auswanderer" und wurde 1860 von der deutschen Genremalerin Antonie Volkmar gefertigt. Eine amerikanische Flagge auf dem großen Segler hinter dem Ruderboot erzählt mir, dass es sich um eine Flucht in die USA handeln muss. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Genreszene war Deutschland von einer Auswanderungswelle sondergleichen betroffen. Über 6 Millionen Menschen flüchteten etwa von 1820 bis 1830 aufgrund von Hungerskrisen und Wirtschaftsnot nach Nordamerika. Wenige auch nach Brasilien, Argentinien und Australien. Heute zählen Deutschland und Österreich zu den beliebtesten Zielländern von Flüchtlingen und Migranten.

Kunst kann die Welt nicht verändern. Schon gar nicht verbessern. Aber sie kann etwas, was für mich ungemein wertvoll ist: Sie kann mich zum Sehen bringen und meine Wahrnehmung sensibilisieren. In Bezug auf die Geschichte und auf die Gegenwart. So hat mich Antonie Volkmars Gemälde "Abschied der Auswanderer" daran erinnert, wie sehr sich die Richtungen von Migrationsströmen immer wieder auch verändern und Orte der Flucht im Laufe der Jahrhunderte zu Orten der Zuflucht werden können.

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Ö1-Schwerpunkt: Verteilung, Flucht und Migration

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Playlist

Komponist/Komponistin: Kurt Adametz
Gesamttitel: FLUCHT INS UNGEWISSE
Titel: New Mexico Waltz / Klavier (tw. 2x gespielt!)
Ausführende: Kurt Adametz
Länge: 02:14 min
Label: ORF Enterprise Musikverlag ORF

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