Hängematte im Park

APA/ROLAND SCHLAGER

Grüne Medizin für graue Städte

Heilkraft der Natur im urbanen Bereich

Die Hitze der Stadt ist im Sommer brutal - davon weiß nicht nur der Austrobarde Reinhard Fendrich ein Lied zu singen. Dabei ließen sich die extremen sommerlichen Bedingungen auf einfache Art und Weise entschärfen, denn die besten Klimaanlagen entstammen der Natur. Gegen urbane Hitzeinseln aus Beton und Asphalt, die die sommerlichen Temperaturen zusätzlich anheizen, setzen Metropolen zur Kühlung vermehrt auf Parkanlagen, offene Wasserflächen oder Fassadenbegrünungen.

Der Biophilia-Effekt in der Stadt

Neben der kühlenden Wirkung lassen sich dadurch aber auch eine Reihe weiterer positiver Wirkungen erzielen. Der Biologe und Buchautor Clemens G. Arvay beschreibt in seinem aktuellen Buch "Biophilia in der Stadt" die Effekte von Wäldern und anderen Grünflächen auf die städtischen Bewohner. Klassische Zivilisationsleiden wie Stress, Herz-Kreislaufprobleme und depressive Verstimmung verbessern sich, wenn der verloren gegangene Kontakt zur Natur wiederhergestellt wird. Der in den 1980er-Jahren geprägte Begriff des "Waldbadens" beschreibt die heilende Wirkung, die nicht nur durch den vermehrten Sauerstoffgehalt im Wald, sondern auch eine Vielzahl ätherischer Öle, den pflanzlichen Terpenen, bedingt ist. Auch ein vermehrter Gehalt an Anionen in den wasserspeichernden Wäldern oder gesundheitsförderliche Mikrobakterien im Boden tragen zum Wohlbefinden bei, so Arvay.
Damit kommt den Stadtwäldern eine große Bedeutung zu, wenn es um die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger geht. Denn bereits einzelne Bäume und Sträucher sorgen dafür, die Temperatur zu regulieren und auch die Feinstaub- und Stickoxidbelastung zu reduzieren.

Mehr als ein Beserlpark

Auch wenn jede einzelne Pflanze in der Großstadt ihren Teil zur Verbesserung der Lebensqualität beiträgt, reichen ein paar verkümmerte Beserlparks in den Betonwüsten nicht aus. Damit die Stadtbewohner von den positiven Effekten der Natur profitieren, braucht es eine strukturelle Umgestaltung, wie Clemens Arvay meint. Sinnvoll wäre etwa die Schaffung von Ökokorridoren, etwa durch Begrünung von Straßenbahnstrecken, wie es bei der "Green Tram" in Barcelona.
Eine Umgestaltung, die längerfristig über die gesundheitlichen Effekte einen großen volkswirtschaftlichen Nutzen habe.

Der Wald im Kopf

Der Forschungsschwerpunkt unseres zweiten Sendungsgastes, des Innsbrucker Arztes und Psychologen Christian Schubert, ist die Psychoneuroimmunologie. Sie untersucht die Wechselwirkungen von Psyche, Nerven- und Immunsystem. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass bei Menschen, die im Wald "gebadet" hatten, der Cortisolspiegel gesunken und das Immunsystem gestärkt war. Laut Schubert sorgt aber nicht nur der Aufenthalt in der Natur, sondern auch ein grünes Stadtbild für psychisches und körperliches Wohlbefinden. Und: "Bereits die Vorstellung von Natur und Wald ist ein starker Trigger, alleine die Motivation, in den Wald zu gehen ist, verbunden mit einer Selbstheilungsidee. Hier gibt es eine starke psychosomatische Komponente. Wir messen dem Wald und der Begegnung mit ihm eine große Bedeutung bei".

Vertikale Grünflächen

Zunehmend setzt man auch auf Fassadenbegrünungen, wie beim Bosco Verticale, den begrünten Zwillingstürmen in Mailand, oder der Zentrale der Abfallwirtschaft MA 48, die am Wiener Gürtel eine der größten grünen Fassaden Europas errichtet hat.
In Summe betrachtet ist hierzulande noch Luft nach oben, wie die Expertin für Vegetationstechnik Vera Enzi vom Verband für Bauwerksbegrünung "GrünstattGrau" erklärt. Zwar sieht der Bebauungsplan von Wien bei Neubauten mit Flachdächern verpflichtend eine Grünfläche vor und auch Privatpersonen können bei Begrünungen um Förderungen ansuchen, der Einreichprozess ist jedoch schwierig, wie Enzi kritisiert.

Die Stadt der Zukunft

Derzeit leben rund 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, 2050 sollen es bis zu 70 Prozent sein. Damit steigt die Notwendigkeit, diesen Lebensraum auch zunehmend gesünder zu gestalten. Die Qualität der Metropolen wird mittlerweile vor allem auch an deren Anteil an Grün- und Erholungsflächen, sowie der Luftbeschaffenheit gemessen. Bestrebungen, Städte im großen Stil zu begrünen, sei es über Initiativen zum Urban Gardening oder städteplanerischen Maßnahmen, liegen international im Trend.

Moderation und Sendungsgestaltung: Dr. Ronny Tekal.
Redaktion: Mag.a Nora Kirchschlager

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Kennen Sie internationale Beispiele, die die Begrünung urbaner Gebiete gut umgesetzt haben?

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Service

DI Clemens G. Arvay
Biologe und Buchautor
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Clemens G. Arvay

DI Vera Enzi
Landschaftsplanerin und Expertin für Vegetationstechnik
GRÜNSTATTGRAU Forschungs- und Innovations-GmbH
Favoritenstrasse 50
A-1040 Wien
Tel: +43/650/6349631
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GRÜNSTATTGRAU

Univ.-Prof. DDr. Christian Schubert
Arzt, Psychologe und Psychotherapeut
Univ.-Klinik für Med. Psychologie
Schöpfstrasse 23 a
A-6020 Innsbruck
E-Mail
Prof. Schubert

Urban Gardening - Universität Wien
Metropolen von Morgen - Zukunftsinstitut (D)
Effekt Umwelt und Psyche - Psychoneuroimmunologie-Kongress Innsbruck 2018
Greencare - Plattform für naturgestützte Interaktion und Bildung
Netzwerk Psychologie und Umwelt
Institut für Pharmakognosie

Clemens G. Arvay, "Biophilia in der Stadt: Wie wir die Heilkraft der Natur in unsere Städte bringen", Goldmann Verlag 2018

Christa Müller, "Urban Gardening: Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt", Oekom 2011

Wiebke Jünger, "Stadtgrün statt grau: 61 DIY-Projekte fürs Urban Gardening", Verlag Eugen Ulmer 2015

Esther Winter, "Waldbaden - Das Praxisbuch", Christian Verlag 2018

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Gestaltung