Heiner Boberski über 1968

"1968 - Ein Jahr des Erwachens". Der Journalist und Buchautor Heiner Boberski macht sich Gedanken über Menschen und Ereignisse, die ihm aus diesem Jahr der Proteste gegen das sogenannte Establishment besonders in Erinnerung geblieben sind. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Null Uhr. Donauwalzer. Mit dieser Eintragung vom 1. Jänner beginnt mein Tagebuch aus dem Jahr 1968. Ich bezweifle, dass ich mich als einer jener "Achtundsechziger" fühlen darf, die damals gegen den Vietnamkrieg und das sogenannte "Establishment" auf die Barrikaden stiegen oder an den Universitäten für Unruhen sorgten. Wenn ich an 1968 denke, sehe ich mich als 17-Jährigen vor mir, der politisch durchaus wach und mit einigem unzufrieden war. Aber ich hatte sicher andere Ideale als jene, die Sprüche klopften wie: "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment".

Laut meinen Notizen galten meine Hauptinteressen damals den Unternehmungen mit meiner Familie, den Beziehungen zu meinen Freunden männlichen und zunehmend weiblichen Geschlechts, dem Sport, dem Theater, der Hitparade und notgedrungen dem Fortkommen im Gymnasium, das ich besuchte. Was in der großen weiten Welt geschehen ist, war mir nur selten, wenn es mich offenbar sehr erschütterte, eine Erwähnung wert. Ein Beispiel dafür fand ich am 6. Juni 1968: "9 Uhr 44 Tod Senator Robert Kennedys. Ich bin ganz durcheinander." Mit Kennedy verband ich auch irgendwie den Nummer-1-Hit zu Jahresbeginn 1968, "Massachusetts", für mich ein Sehnsuchtslied nach einer besseren Zukunft.

Vieles, woran ich mich heute noch gut zu erinnern glaube, habe ich damals schriftlich gar nicht festgehalten. Dafür stehen auch Dinge in meinem Tagebuch, die meinem Gedächtnis völlig entfallen sind. Wenn es um 50 Jahre zurückliegende Ereignisse geht, ist immer Skepsis geboten, ob man alles korrekt in der Erinnerung gespeichert hat, oder ob man manches vielleicht nur in dieser Art speichern wollte. Friedrich Nietzsche hat zu diesem Phänomen bedenkenswerte Zeilen geschrieben. Sie lauten: ",Das habe ich getan' sagt mein Gedächtnis. ,Das kann ich nicht getan haben' - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach."

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Barry Gibb
Komponist/Komponistin: Robin Gibb
Komponist/Komponistin: Maurice Gibb
Album: RIESENHITS / Nr.1 HITS - FOLGE 1
Titel: Massachusetts (00:02:20)
Ausführende: Bee Gees /Gesang m.Begl.
Länge: 02:20 min
Label: Electrola 7988512

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