Werner Herzog

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Zurück zur Avantgarde

Lotte Eisner - 35.Todestag

Am 23. November 1974 verlässt der Regisseur Werner Herzog München. Zu Fuß, mit kleinem Rucksack und Kompass im Gepäck. Es ist kalt, Schnee und Eisstürme machen seinen Weg zur Tortur. Sein Ziel: Paris. Dort liegt Lotte Eisner schwer erkrankt im Bett. So lange er geht, wird sie nicht sterben, sagt sich Herzog.

Für den Regisseur war Lotte Eisner eine langjährige Freundin und Mentorin. Denn dem deutschen Nachkriegsfilm und seinen Protagonisten, dieser "Generation ohne Väter", verlieh Lotte Eisner nicht nur jene Legitimität, die der deutsche Film im Nationalsozialismus verspielt hatte, sie wies einer ganzen Generation junger Regisseure den Weg zurück in eine bewegte, avantgardistische Filmgeschichte, die die "Eisnerin", wie Bertolt Brecht sie nannte, selbst miterlebt und beschrieben hatte.

Lotte Eisner, geboren am 5. März 1896 als Tochter eines jüdischen Berliner Kaufmanns, wird nach ihrem Studium zur ersten Frau der deutschen Filmkritik. 1933 flieht sie nach Frankreich, überlebt den Holocaust und arbeitet von 1945 bis 1975 als Chefkonservatorin der Cinémathèque Française. Ihr bekanntestes Werk - "Die Dämonische Leinwand" - über den expressionistischen deutschen Stummfilm erschien 1952 zunächst auf Französisch, 1955 dann auf Deutsch.

Als Werner Herzog nach seiner dreiwöchigen Pilgerfahrt am 14. Dezember 1974 in Paris eintrifft, hat sich Lotte Eisner erholt. Sie sollte noch weitere zehn Jahre leben, bis sie vor 35 Jahren am 25. November 1983 ebenda verstirbt.- Gestaltung: Roman Tschiedl

Service

Lotte Eisner, "Die Dämonische Leinwand", S. Fischer Verlag
Lotte H. Eisner, "Ich hatte einst ein schönes Vaterland: Memoiren", Verlag Das Wunderhorn
Werner Herzog, "Vom Gehen im Eis: München-Paris 23.11. bis 14.12.1974", S. Fischer Verlag
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