Radiokolleg - Was klingt denn da?

Musik und Zeichentheorie (4). Gestaltung: Katrin Mackowski

Wenn Sprache und Schrift Zeichensysteme sind, was ist dann die Musik? Mit Roland Barthes, der die "Rauheit der Stimme" erkundet, sind die zentralen Fragen der Musiksemiotik aufgeworfen: Ist Musik ein Zeichen? Was ist das Geheimnis ihrer Struktur?

Vater der Semiotik: Ferdinand de Saussure
Weil es außersprachliche Zeichensysteme wie die Musik gibt, plädierte schon der Linguist Ferdinand de Saussure (1857-1913) für eine interdisziplinäre Wissenschaft: die Semiologie. Er zeigte: das sprachliche Zeichen vereint Vorstellung und Lautbild. Die Bezeichnung ‚Lautbild' ersetzt Saussure durch den Begriff ‚Bezeichnendes' oder ‚Signifikant', die ‚Vorstellung' durch ‚Bezeichnetes' oder ‚Signifikat'.

Die Rauheit der Stimme
Roland Barthes, der über die Semiologie der Werbung, Mode oder Autos schrieb, dachte auch über Musik nach. Er spielte Klavier und nahm Gesangsunterricht bei Charles Panzéra, dessen Bariton-Stimme er zum Ideal erklärte. Die "Rauheit" seiner Stimme, schreibt er, bewegt sich zwischen Sprache und Musik, sodass sich "die Wollust ihrer Laut-Signifikanten" zeigt; als Begehren des Körpers sowie der Zeichen selbst und ihrer Verweise.

Von der Nachahmung zum Symbol
Doch ist Musik wirklich eine Art Sprache? Die symbolische Zeichenqualität der Klangereignisse ist so schwach ausgeprägt, weiß der Musikwissenschaftler Vladimir Karbusicky, dass sie mit der semantischen Konvention der Wortsymbole nicht vergleichbar sind. Musik als Zeichen zu betrachten, konfrontiert uns vielmehr mit ihrer Rätselhaftigkeit. In Anlehnung an den Logiker Charles S. Peirce (1839 - 1914) lässt sich Musik jedoch strukturell untersuchen: Semiotiker fragen nach Ikon, Index und Symbol.
Wie ahmt Musik nach (Ikon), welche affektiven Zustände ruft sie über Klangfarbe oder Gesten hervor (Indizes) und wo zeigt sich ihre symbolische Verdichtung (Symbol). Aber auch auf diese Weise betrachtet, ist die Musik dennoch ein unbestimmtes, wenig greifbares Phänomen. "Ihre Zeichenhaftigkeit liegt vielmehr in der Transzendenz", erklärt der finnische Musiksemiotiker Eero Tarasti.

Das Beste der Musik steht nicht in den Noten
Sogar die Notation legt die magischen Wurzeln der Zeichen frei. Quer durch die Musikgeschichte sind die Notentexte Vertreter der inneren Welt ihrer Schöpfer und Spieler, und dadurch keine eindeutigen Wegweiser. Doch wie greifbar ist diese innere Welt? "Das Beste der Musik steht nicht in den Noten", weiß Gustav Mahler. Neume, Note oder graphische Notation; auch das sichtbarste Zeichen der Musik, die Notation, entzieht sich.

Musik als Narrativ? Was uns die Musik erzählt
Dabei gibt es doch Vorzeichen, Bezeichnungen für Tempi und Ausdruck, Genres, Sätze, Programme - lauter Kategorien, die Musik in Systeme fassen und das Hören lenken. Aber was erzählt uns die Musik wirklich? Ihr Narrativ ist das Gestische. Sie belebt Ursituationen des Menschen - ob im Rap, einer Sinfonie oder im Wiegenlied.

Sendereihe

Gestaltung

  • Katrin Mackowski