Schneelandschaft bei Nacht

AFP/STAN HONDA

Bischof Hermann Glettler über Stille Nacht, Heilige Nacht

"Stille Nacht, Heilige Nacht". Gedanken über ein soziales und mystisches Glaubenslied, das vor 200 Jahren komponiert wurde, macht sich Hermann Glettler, Bischof der katholischen Diözese Innsbruck. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Stille Nacht, Heilige Nacht

Die Erwartungen an das Weihnachtsfest sind unerfüllbar hoch. Es soll ein Fest der Eintracht sein, besinnlich, friedlich und harmonisch. "Stille Nacht, Heilige Nacht!" Das berührende Weihnachtslied aus dem salzburgischen Oberndorf, das durch Zillertaler Sängerfamilien in die Welt getragen wurde, nährt seit 200 Jahren diesen verständlichen Traum. "Heilige Nacht" - weil alles so harmonisch war und ist? Entstanden ist der alpenländische Weihnachtshit in einem konträren Umfeld - 1818 war die Bevölkerung des Landes Salzburg völlig verarmt.

Auch die Umstände in Betlehem, von denen das Lied herzergreifend singt, waren alles andere als harmonisch. Es war Nacht - faktisch und im übertragenen Sinn: Jesus kam zur Welt in einer Notunterkunft am Stadtrand, ausgesetzt und gefährdet. Er teilt damit das Schicksal der vielen, für die "kein Platz" ist - Millionen Umhergetriebene und Flüchtende auf unserer Welt, seelisch Verwundete und Verängstigte. Nur wer die Erfahrung der Nacht gemacht hat, kann deren Nächte erahnen.

Die fromme Behauptung, dass es erst Weihnachten wird, wenn wir gut zueinander sind, ist schlichtweg eine Häresie. In der Nacht der Gewalt und der Feindschaft, die die ganze Welt ergriffen hat, ist Gottes Sohn auf die Erde gekommen. Das Kommen Jesu war nie und nimmer ein religiöser Aufputz für ein bürgerliches Wohlverhalten. Gottes Kommen hat die Nacht geheiligt - das Un-Heile und Un-Heilige verwandelt. Deshalb: "Stille Nacht, Heilige Nacht."

Der erwachsene Jesus hat mehrmals gesagt, dass er nicht gekommen ist, um einen billigen Frieden zu bringen, sondern Versöhnung. Der Weg dahin schließt die Lüge aus. Die Chance liegt in einem ehrlichen Wort, manchmal auch in einer Bitte um Entschuldigung. Denn niemals ist ein Mensch so schön, wie wenn er Vergebung zuspricht oder Verzeihung annimmt. Das heiligt die Nacht - viel nachhaltiger als eine billige Harmonie.

Service

Kostenfreie Podcasts:
Gedanken für den Tag - XML
Gedanken für den Tag - iTunes

Playlist

Komponist/Komponistin: Traditional
Bearbeiter/Bearbeiterin: Hilton Ruiz
Album: SANTA'S BAG - AN ALL-STAR JAZZ CHRISTMAS
Titel: O come, o come Emmanuel/instr.
Solist/Solistin: Hilton Ruiz /Piano
Länge: 03:24 min
Label: Telarc CD 83352

Sendereihe

Gestaltung

Mehr dazu in oe1.orf.at