Dicker als Wasser

Wenn eine Blutverdünnung Leben rettet


Blut ist dicker als Wasser, nicht nur im sprichwörtlichen Sinne. Die Tatsache, dass es gerinnen kann, ist für den Menschen überlebensnotwendig. Denken Sie nur an eine tiefe Schnittverletzung - ohne die Bildung eines das Gefäß verschließende Gerinnsel würden wir verbluten.

Die Blutgerinnung

Die Regelmechanismen dieses Vorgangs sind komplex. Durch ein Zusammenspiel von Blutplättchen, den sogenannten Thrombozyten, und Gerinnungsfaktoren - das sind im Blut gelöste Eiweiße - werden Gefäßdefekte abgedichtet und die Blutung gestoppt. Gleichzeitig sorgt der zweite Arm des Blutgerinnungssystems dafür, dass der Gerinnungsvorgang nicht über das Ziel hinausschießt und es zu großflächigen Thromben-Bildungen und damit zur Verstopfung ganzer Teile des Gefäßsystems kommt.

Die unerwünschte Seite

Die Fähigkeit unseres Blutes zu verklumpen, kann aber auch lebensgefährliche Zustände verursachen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungenembolie und Thrombosen sind einige Beispiele dafür.
Daher benötigen hunderttausende Menschen gerinnungshemmende Medikamente, die das Risiko zum Beispiel für einen erneuten Herzinfarkt oder Schlaganfall effektiv senken können.
Weitere Erkrankungsbilder, die eine vorübergehende oder auch andauernde Hemmung der Blutgerinnung erfordern, sind künstliche Herzklappen, eine bereits stattgefundene Beinvenenthrombose, längere Bettlägerigkeit, orthopädische Eingriffe, Flugreisen bei gefährdeten Menschen oder eine angeborene Störung der Blutgerinnung.

Häufig nicht erkannt

Eine häufige Rhythmusstörung (bis zu zwei Prozent der Bevölkerung) betrifft die Vorhöfe des Herzens. Die dadurch verursachten Symptome sind aber recht unspezifisch, sodass diese Rhythmusstörung oft nicht erkannt wird - das kann fatale Folgen haben.
Durch die unregelmäßige und zu schnelle Schlagabfolge wird der Blutfluss im linken Vorhof des Herzens verlangsamt - es können sich Thromben bilden. Werden diese ins Gehirn eingeschwemmt, kommt es zum Schlaganfall.

Alte und neue Gerinnungshemmer

Um solch lebensbedrohliche Komplikationen zu vermeiden, versucht man die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herabzusetzen. Diese, als Antikoagulantien bezeichneten Medikamente, gibt es bereits seit vielen Jahrzehnten. Neben den Blutplättchenhemmern, wie Acetylsalicylsäure oder Clopidogrel, kommen auch Heparine und vor allem Vitamin-K-Antagonisten (Marcoumar® oder Sintrom®) zum Einsatz. Der Nachteil: Wird die Gerinnungsfähigkeit zu stark gehemmt, können Verletzungen oder Operationen böse enden.
Seit rund einem Jahrzehnt ist eine neue Generation blutverdünnender Substanzen am Markt, die als sogenannte NOAK's (neue orale Antikoagulantien) punktgenau an nur einer Stelle der Gerinnungskaskade angreifen. Sie werden in einer fixen Dosierung gegeben, sodass die regelmäßigen Blutspiegelkontrollen, die bei Marcoumar und Co. nötig waren, entfallen. Neben der einfacheren Handhabung gelten sie auch als sichere Alternative zu den älteren Präparaten.

Teurer, aber effektiv

Ein Milliardengeschäft für die pharmazeutischen Firmen, denn die neuen Antikoagulantien sind deutlich teurer. Dennoch falle die Bilanz positiv aus, wie unser Sendungsgast die Hämatologin Ingrid Pabinger-Fasching erklärt. Schließlich würde mit dem Wegfall des aufwendigen Monitorings und aufgrund der geringeren Komplikationsrate durch Blutungen unterm Strich eine kostengünstigere Behandlungsmöglichkeit zur Verfügung stehen.
Vier dieser Substanzen sind mittlerweile auf dem Markt, gegen ein Produkt gibt es auch ein Gegenmittel, sodass bei Notoperationen rasch eine effektive Blutgerinnung wiederhergestellt werden kann. Problematisch ist die Gabe der NOAKs bei einer Einschränkung der Nierenfunktion, wie sie vor allem bei älteren Personen häufig zu finden ist. Die Erfahrungen, die man nach einem Jahrzehnt mit den neuen Substanzen zur Gerinnungshemmung gemacht hat, sind dennoch so gut, dass die Marcumar-Ära bald schon der Vergangenheit angehört.

Moderation: Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger
Sendungsvorbereitung: Dr. Ronny Tekal
Redaktion: Dr. Christoph Leprich

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Haben Sie eine Erkrankung, die eine Blutverdünnung notwendig macht?
Haben Sie bereits Erfahrungen mit den neuen Gerinnungshemmern?
Sind die Medikamente für Sie gut verträglich?
Wie sieht es mit dem Blutungsrisiko aus?
Fühlen Sie sich sicher oder hätten Sie lieber mehr Kontrollen, wie es z.B. beim Marcumar früher üblich war?

Service

Univ.-Prof.in Dr.in Ingrid Pabinger-Fasching
Fachärztin für Innere Medizin, Zusatzfach Hämatologie und Onkologie
Leiterin der Gerinnungs- und Thromboseambulanz
stv. Leiterin der klinischen Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie
Univ.-Klinik für Innere Medizin I
Medizinische Universität/AKH Wien
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Tel.: +43/1/40 400/4448
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Prim. Univ.-Doz. Dr. Franz Xaver Roithinger
Facharzt für Innere Medizin, Zusatzfach Kardiologie und Intensivmedizin
Vorstand der II. Internen Abteilung Landesklinikum Wiener Neustadt
Corvinusring 3-5
A-2700 Wiener Neustadt
Tel: +43/2622/9004 2701
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Kompetenznetz Vorhofflimmern
Herzverband Österreich
"Arznei und Vernunft": Antikoagulantien und Plättchenfunktionshemmer
Bayrischer Rundfunk zu Irrtümern bei Blutverdünnern
Medikamente zur Blutverdünnung (Netdoktor)
Mini-Med zu Thrombosen

Andrea Hergenröther, "Der sichere Umgang mit Blutverdünnern: Leben mit Gerinnungshemmern", Avoxa Verlag 2017

Thorsten Lewalter, "Herzrhythmus - Der Takt des Lebens: Herzrhythmusstörungen verstehen und behandeln", Südwest Verlag 2019

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