Adipositas-Chirurgie bei krankhaftem Übergewicht

"Den Hunger wegoperieren"

Von erfolglosen Diäten können viele Menschen ein Lied singen. Denn selbst nach heldenhaft überstandener Abnehmkur stellt sich der Jojo-Effekt ein und das Gewicht klettert wieder an seine gewohnte Marke auf der Waage und darüber hinaus.
Vor allem bei Personen mit krankhafter Adipositas, also starkem Übergewicht, stellen sich - neben den körperlichen Beschwerden - auch psychische und soziale Probleme ein. Denn nach wie vor nimmt die Umwelt an, dass Übergewicht eine Folge mangelnder Selbstdisziplin ist. Dabei hat die WHO die Adipositas als Erkrankung anerkannt und zum mittlerweile größten, globalen, chronischen Gesundheitsproblem erklärt.

Schwere Adipositas als Krankheit

Tatsache ist: Menschen mit Adipositas haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Schäden am Bewegungsapparat und - laut einer rezenten britischen Studie - ein bis zu zwölffach erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken.
Stigmatisierungen gehören zum Alltag der Übergewichtigen, sozialer Rückzug ist meist die Folge. Selbst in den Spitälern haben die Betroffenen mit Schwierigkeiten zu rechen. Kommenden Juni werden vom Büro für Frauengesundheit die Ergebnisse einer Studie zur Diskriminierung adipöser Personen im Gesundheitsbereich präsentiert.

Chirurgie statt Schlankheitspillen

Eine medikamentöse Therapie ist kaum erfolgversprechend: Zwei von vier in den letzten Jahren verfügbaren Abnehmpillen wurden aufgrund der Nebenwirkungen vom Markt genommen. Nun sollen Medikamente, die bereits gegen Diabetes eingesetzt werden (GLP-1-Analoga), auch bei der Gewichtsreduktion Anwendung finden.
Als effektivste Methode gilt die bariatrische Chirurgie, also die operative Verkleinerung des Magens, bzw. die Umgehung von Abschnitten des Dünndarms. Das vor einigen Jahren oft eingesetzte verstellbare Magenband kommt heute aufgrund schlechter Langzeitergebnisse und der erwartbaren Nebenwirkungen, nur noch in seltenen Fällen zur Anwendung.

Adipositas-chirurgische Methoden

Die häufigste Operation ist der Magenbypass (Y-Roux oder Omega Loop Bypass), wo ein kleiner Teil des Magens abgetrennt und mit dem Dünndarm verbunden wird. Dadurch umgeht man Magen und Zwölffingerdarm, was zu einer verminderten Aufnahme von Fetten und Kohlenhydraten führt.
Bei der Sleeve Resection wird der Magen auf einen dünnen Schlauch reduziert, sodass es rasch zu einem Sättigungsgefühl kommt.
Die Magenfaltung (Gastroplikatur) gilt als Alternative zum Bypass und verringert das Volumen auf etwa ein Fünftel der ursprünglichen Füllmenge. Der Vorteil dieser Variante - es muss kein Gewebe entfernt werden.
Ein neueres Verfahren ist die SADI/S-Operation (eine Kombination aus Sleeve und Omega Loop), bei der der Zwölffingerdarm durchtrennt wird und der Magenpförtner erhalten bleibt.
All diese Adipositas-chirurgischen Eingriffe haben auch Auswirkungen auf den Stoffwechsel, wodurch manche Experten auch von "metabolischer Chirurgie" sprechen. Denn es verringert sich dadurch die Produktion jener Hormone, die das Hungergefühl ankurbeln. Sogar der Zuckerstoffwechsel bei Vorliegen eines Diabetes wird durch den Eingriff verbessert. Auch wenn die chirurgischen Eingriffe minimalinvasiv durchgeführt werden, das heißt mit Schlüssellochtechnologie, ist eine Operation immer auch mit möglichen Komplikationen verbunden. Zudem ersparen die Eingriffe den Betroffenen nicht, ihren Lebens- und Ernährungsstil nachhaltig umzustellen.

Voraussetzung für die Operationen

Wenn Diäten bzw. konservative Maßnahmen keinen Erfolg zeigen, so kann eine bariatrische Operation in Erwägung gezogen werden. Die Eingriffe werden unter bestimmten Voraussetzungen von den Krankenkassen bezahlt: BMI (Body Mass Index) über 40 kg/m2 bzw. über 35 kg/m2, wenn zusätzlich Begleiterkrankungen, wie Diabetes mellitus oder Bluthochdruck vorliegen. Eine Altersgrenze nach oben gibt es nicht. Diskutiert wird indes über die Operationen im Jugendalter. "Ein 15-jähriger mit 150 Kilogramm hat kaum Chancen, das Gewicht runterzubringen", so der Adipositas-Chirurg Gerhard Prager. "Wir können mit einem Eingriff hier eine Chance bieten, den Jugendlichen frühe gesundheitliche Probleme an Gelenken und Gefäßen - und letztlich auch soziale Probleme, z.B. durch Mobbing - zu ersparen."

Moderation: Dr. Ronny Tekal
Redaktion: Dr. Christoph Leprich

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

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Service

Sendungsgäste im FH Wien:

Elisabeth Jäger
Präsidentin der Adipositas-Selbsthilfegruppen
Tel: +43/664/824 0992
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Priv.-Doz. Dr. Florian Kiefer
Facharzt für Innere Medizin, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, an der Univ.-Klinik für Innere Medizin III
Medizinische Universität Wien
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Tel: +43/1/40400 - 72690
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Live vom IFSO Kongress für Adipositas-Chirurgie aus Lyon, France:

Univ.-Doz. Dr. Gerhard Prager
Facharzt für Chirurgie, Leiter der Adipositas-Ambulanz der Meduni Wien und Europa-Präsident der Internationalen Vereinigung der Adipositas-Chirurgie (IFSO)
Univ.-Klinik für Chirurgie, AKH Wien
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Tel: +43/1/40400-56810
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Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Adipositas Selbsthilfegruppen
BMI berechnen
Österreichische Adipositas Gesellschaft Österreich
Deutsche Adipositas Gesellschaft
Verband der Diätologen Österreichs
Essstörungs-Hotline
Europäischer Adipositas-Tag: 24. Mai 2019, AKH Wien
Österreichische Gesellschaft für Adipositas -und Metabolische Chirurgie
Internationaler Kongress für Adipositas-Chirurgie: IFSO-EC 2019, Lyon, Frankreich
Österreichisches Akademisches Institut für Ernährungsmedizin
Liste der Adipositas-Selbsthilfegruppen Österreich
Operationsmethoden (gesundheitsinformation.de)

Buch-Tipps:

Heike Raab, "Richtig einkaufen bei Adipositas-OP: Lebensmittel, Checklisten, Vitamine, Nährstoffe", Trias Verlag 2018

Praxedis Lämmle Nallaseth, "Operation: Schlanksein: Wie ein Magenbypass mein Leben veränderte", Orell Füssli 2017

Jennifer Frühwirth, Christa Schöllbauer, Helena Schramm, "Ernährung bei Adipositas zur Gewichtsreduktion", Facultas/Maudrich 2017

Alexander Klaus, Brigitte Erlacher, Ingrid Heiller, "Die Abnehm-Docs: Nachhaltig und gesund abnehmen mit den Profis", Kneipp Verlag 2019

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