Gottfried Keller

BILD ARCHIV AUSTRIA

Daniel Zipfel über Gottfried Keller

"Unbekannte Doppelleben". Anlässlich des 200. Geburtstags von Gottfried Keller erzählt Daniel Zipfel, Schriftsteller und Jurist im Asylbereich, über Schriftsteller, die zugleich Juristen waren. - Gestaltung: Alexandra Mantler.

Gottfried Keller

Im Juli vor 200 Jahren wurde Gottfried Keller geboren, der wohl berühmteste aller Leiter der Züricher Staatskanzlei. Als einer der besten und zuverlässigsten Kanzlisten in der Schweizer Geschichte wird er gepriesen, obwohl er während seines staatswissenschaftlichen Studiums in Heidelberg keine einzige juristische Vorlesung besucht hatte.

Seine Interessen waren anders gelagert: Gottfried Keller war Schriftsteller. Vor seiner Tätigkeit bei der Staatskanzlei war er mit 42 Jahren zu einem der bekanntesten Dichter der Schweiz avanciert. Dennoch schrieb er im Jahr 1861 an seinen Verleger: "Ich fange an, den Mangel eines Amtes oder einer bestimmten bindenden Tätigkeit zu fühlen, welche meinem literarischen Schaffen eine ruhige Grundlage gäbe." Das Schreiben allein reichte ihm nicht. Im selben Jahr erhielt er die Position bei der Staatskanzlei und füllte sie wohl besser aus als seine Vorgänger und Nachfolger.

Die nahe Verwandtschaft beider Tätigkeiten, der Juristerei wie des Schriftstellertums, liegt auf der Hand, geht es doch beim einen wie beim anderen um die Arbeit mit Texten, mit Sprache und mit den Geschichten von Menschen. So waren auch mehr große Literaten als man weithin annimmt, in ihrem Brotberuf Juristen.

Am meisten verblüfft es mich bei Jules Verne, dem großen Erzähler, dessen Geschichten vor Fantasie sprühen. Gleichzeitig jedoch wird bei Jules Verne stets der Hang zur Technik sichtbar, der auch die juristische Sprache prägt.

Das berüchtigte Juristendeutsch ist eine Kunstsprache, die stets nach Objektivierung trachtet und dabei immer einen technischen Einschlag hat. Heraus kommen kuriose Wortschöpfungen wie "wohnhaft", "freizügigkeitsberechtigt" oder das Wörtchen "sohin", das außerhalb rechtlicher Schriftsätze nicht zu finden ist.

Ich frage mich, ob es nicht auch die Aufgabe gerade von Juristen ist, die Sprache besonders zu pflegen, wie ein Handwerkszeug, das täglich gebraucht wird, und dabei etwa dort einer Verrohung der Sprache entgegenzuwirken, wo mit ihrer Technisierung einer Entmenschlichung Vorschub geleistet wird, wo man menschliche Not nur noch beziffert oder in bedrohliche Formulierungen kleidet.

Gottfried Keller hatte dazu gemeint, bei einer Verfassung käme es nicht auf die stilistische Schönheit an, auf die Symmetrie der Worte. Vielmehr bestünde der Wert einer Verfassung in den tatsächlichen Rechten, die sie garantiert. "Ein errungenes Recht neben dem andern", schreibt Keller, "wie die harten glänzenden Körner im Granit, die zugleich die klarste Geschichte ihrer selbst sind." Ein Jurist hätte es nicht besser sagen können.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Album: THE GLENN GOULD EDITION
* 7. Variatio 6 Canone alla Seconda a 1 Clav. (00:35) - tw. 2x gespielt!
Titel: Goldberg - Variationen BWV 988 "Aria mit 30 Veränderungen" (aus Klavierübung Teil IV)
Solist/Solistin: Glenn Gould /Klavier
Länge: 00:35 min
Label: SONY SMK 52594

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