Der Waal namens "Moby-Dick"

AP/STEPHAN SAVOIA

Brigitte Schwens-Harrant über Herman Melville

"Der suchende Matrose". Brigitte Schwens-Harrant, Literaturkritikerin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung "Die Furche", über den Schriftsteller Herman Melville, anlässlich seines 200. Geburtstags. - Gestaltung: Alexandra Mantler.

Der Bibelfeste

"Nennt mich Ishmael." Dieser Romanbeginn von "Moby Dick" gehört zu den berühmtesten ersten Sätzen der Weltliteratur. Herman Melville führt mit dem Namen eine biblische Gestalt ein: Ishmael, Abrahams Sohn, der gemeinsam mit seiner Mutter Hagar verstoßen wird. "Gott möge hören" oder "Gott hat erhört" bedeutet der Name und Melville legt hier eine Spur.

Bibelfest war der 1819 in New York geborene Schriftsteller. Seine Mutter, eine überzeugte Calvinistin, ließ ihre Kinder taufen und erzog sie gläubig. Melville, so zeigen viele Biografen, arbeitete sich zeitlebens auch an seiner Mutter und ihrem Glauben ab.

Die Schattenseiten der Mission lernte er auf seinen Reisen als Matrose kennen; dass wirtschaftliche Ausbeutung und Frömmigkeit für viele problemlos zusammengingen, das zu sehen musste er seinen Wohnort gar nicht erst verlassen. Die Kritik an religiöser Anmaßung ebenso wie an dieser Widersprüchlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch seine Werke, die Menschlichkeit einfordern. Mehr als einmal zeigt sich darin ein Christ angesichts des Verhaltens eines Nichtchristen beschämt. Wenn etwa in "Moby Dick" ein sogenannter "Wilder" ins Wasser springt, um einen Christen zu retten, und sich danach zu sagen scheint: "Das ist eine gemeinschaftliche Welt auf unbeschränkte gegenseitige Haftung, in allen Breitengraden. Wir Kannibalen müssen diesen Christenmenschen beispringen."

Diese gemeinschaftliche Welt mit gleichwertigen Religionen hatte Herman Melville im Blick, ohne sie zu finden. Von ihr lässt er seine Figuren sprechen, seine Schriften legen Zeugnis ab von seiner eigenen lebenslangen Suche. "Weder kann er glauben, noch kann er sich mit seinem Unglauben abfinden, und er ist zu ehrlich und zu mutig, um es mit dem einen oder dem anderen zu versuchen", behauptete einst ein Schriftstellerfreund.

Der letzte Satz in "Moby Dick" ist weniger bekannt als der erste. Dabei führt er zurück zur Bibel - und zu einer Frauengestalt in diesem männlich dominierten Buch. Bei einem Schiffbruch kommen alle Besatzungsmitglieder um. Ishmael aber überlebt und wird von einem Schiff gerettet. "Es war die schweigend kreuzende Rachel, welche auf ihrer der eigenen Spur folgenden Suche nach ihren vermißten Kindern bloß eine weitere Waise fand."

Service

Andrew Delbanco, "Melville. Biographie", Verlag Hanser
Arno Heller, "Herman Melville", Verlag Lambert Schneider

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Nicholas Britell
Vorlage: James Baldwin /Romanvorlage/1924-1987
Gesamttitel: IF BEALE STREET COULD TALK / Original Filmmusik
Titel: If Beale street could talk (End Credits)
Orchester: Filmorchester
Leitung: Nicholas Britell
Länge: 01:43 min
Label: Lakeshore Records

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