Martin Schenk über Eltern und ihre Kinder

"Was Kinder verdienen" von Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich. - Gestaltung: Brigitte Krautgartner

Das Baby krabbelt über den Teppich, die Mama sitzt daneben und beobachtet ihr Kind. Der Kleine dreht sich um, kommt zurück, fällt in die Arme der Mutter, schmiegt sich an, macht die Augen zu, hebt wieder den Kopf und lässt sich auf den Boden vor seiner Mutter gleiten. Mama Gabi hat sich das alles im Video angesehen. Sie und ihr Baby sind gefilmt worden wie sie miteinander gespielt haben. Jetzt beobachtet sie sich selbst dabei. Und kommentiert das, was sie sieht. Hier geht es darum, dass Mama und Papa die Bedürfnisse und Signale ihrer Kinder erkennen und verstehen. Diese "Frühen Hilfen" richten sich an Familien, die es schwer haben und an einen Alltag, in dem große Schwierigkeiten im Aufbau der Beziehung mit dem Kind auftreten: Überforderung, existenzielle Sorgen, psychische Erkrankungen oder Gewalterfahrungen. Mittels Filmsequenzen können sich die Eltern selbst im Umgang mit ihrem Kind sehen - und daraus Schlüsse ziehen. Welche Bedürfnisse würde das Kind äußern, könnte es schon sprechen? Vielleicht: Ich brauche dich, damit ich die Welt erkunden kann. Pass auf mich auf. Freu dich mit mir. Ich brauche dich, damit du mich willkommen heißt, wenn ich zu dir komme. Beschütze mich. Ordne meine Gefühle. Freu dich an mir. Tröste mich.

Ziel ist es hier, Eltern so früh wie möglich umfassend bei der Aufgabe zu unterstützen, ihre Kinder gut und verlässlich zu versorgen und eine sichere wie liebevolle Bindung zu ihnen aufzubauen. Wo Sicherheit da ist, da erforscht das Kind die Welt, erweitert seinen Aktionsradius, erprobt seine Freiheit. Dort, wo eine unsichere Bindung vorliegt, traut sich das Kind nicht von der Mama weg. Je sicherer aber, desto freier agiert es. Jeder Gipfelstürmer braucht ein Basislager und jedes Schiff einen sicheren Hafen. Und jedes Kind eine sichere und liebevolle Bindung. Sie legt den Grundstein für ein gutes Aufwachsen. Der Mensch wird am Du zum Ich. Wir brauchen den anderen, um zu uns selbst zu kommen. Kinder mit sicherer Bindung sind selbstbewusster, weniger ängstlich und haben größeres Einfühlungsvermögen. "Die wirklichen Beziehungen zwischen Menschen sind immer ein Angewiesensein, ein einander brauchen, eine codependency" bemerkt die evangelische Theologin Dorothee Sölle. "Wir sind einfach kleiner, dümmer, hässlicher ohne die Liebe, ich muss nicht mein eigenes Lebensbrot backen, ich muss nicht meine eigene Kraftspenderin oder mein Tröster sein, ich muss nicht nur ich selber sein." Niemand ist das, was er ist, ohne die sorgenden und unterstützenden Tätigkeiten anderer. Dass Menschen einander brauchen ist der menschliche Normalzustand.

Respekt verdient sich jedes Kind, einfach so. Weil es Kind ist, weil es Mensch ist. Weil es Wertschätzung zum Wachsen braucht wie eine Blume Wasser und Licht. Wenn Kinder aber in unsicheren sozialen Verhältnissen aufwachsen müssen, führt das für sie zu höheren Risiken. Aus der Bildungsforschung wissen wir, welche Barrieren das aufbaut und welche Chancen das nimmt. Und wenn Kinder aus dem Klassenverband ausgesondert werden oder wenn immer nur ihre Defizite im Mittelpunkt stehen, dann blockiert das ihre Kräfte. Manche meinen, dass man sich Respekt erst verdienen muss. Dass Kinder sich Respekt erarbeiten sollen. Dass das, was sie wie die Luft zum Atmen brauchen, eine Belohnung darstellt. Für Kinder stellt man sich dann das Aufwachsen als ein großes sozialdarwinistisches Bewährungscamp vor. Nur die Harten kommen durch.

Doch Kinder sollen gut und angstfrei lernen und Leistungen erbringen können - und neugierig bleiben auf die Welt. Kinder können gut wachsen, wenn sie ein waches Interesse an der Welt entwickeln. Das, was den Unterschied macht, ist die Neugier und die Weltzugewandtheit: Welt und Leben nicht als Überforderung, sondern als Herausforderung erfahren zu können. Respekt ist kein Verdienst, Respekt ist die Voraussetzung dafür. Wo ich meinem Können traue, dort gibt es auch welche, die mir etwas zu-trauen. Ein Credo. Zukunft gibt es, wo wir an unsere Fähigkeiten glauben dürfen. Weil andere an uns glauben.

Sendereihe

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach
Album: PETER SADLO: MARIMBISSIMO
* Allemande - 2.Satz (00:03:36)
Titel: Suite für Violoncello solo Nr.3 in C-Dur BWV 1009 / Bearbeitung für Marimba
Solist/Solistin: Peter Sadlo /Marimba
Länge: 03:37 min
Label: Koch Schwann 314102 H1

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