Wolfgang Müller-Funk über Theodor W. Adorno

"Ästhet der Unruhe" - Zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno wirft der Wiener Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk Licht auf einige Brennpunkte von Adornos Denken. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Theodor Adorno, der Sohn einer Opernsängerin, war nicht zuletzt auch ein Komponist. 1925/26 begab er sich nach Wien, um dort die Zwölfton-Musik in theoretischer wie in praktisch-kompositorischer Absicht kennenzulernen.

Die im Exil geschriebene Studie Philosophie der neuen Musik ist auch ein Nachhall all dieser ästhetischen Erfahrungen, eine Reverenz an Schönberg und an Adornos Lehrer Alban Berg. Ebenso wie die musikphilosophischen Passagen im Doktor Faustus, die der Philosoph für Thomas Mann geschrieben hat. Dieser hat ihn wiederum als ironisch-‚teuflischen' Lehrmeister im Dialog mit dem Komponisten des Romans, Adrian Leverkühn, satirisch gezeichnet.

Für Adorno steht völlig außer Zweifel, dass nur die von Schönberg begründete Kompositorik eine zeitgemäße neue Kunst verkörpert, während Strawinsky und übrigens auch Bartok als Vertreter der Restauration gelten, die den entscheidenden Bruch hin zur Moderne nicht wirklich vollzogen haben und sich wie Bartok folkloristischen Materials bedienen. Präferiert wird das konzentrierte Hören, das in flagrantem Widerspruch zum abgestumpften Konsum der allgegenwärtigen Schlager steht. Insofern ist Adorno ein Vertreter von Reduktion und Abstraktion. Er befürwortet Konzentration und Askese.

Unter den Bedingungen der Moderne ist die Aufspaltung der Kunst in Kitsch und Avantgarde kulturelle Realität geworden. Das, was die Kritiker als Schönbergs Intellektualismus anprangern, ist für Adorno Ausweis der Wahrheit und Wahrhaftigkeit der 12-Ton-Musik, die sich vom exklusiven tonalen System wie vom Kitsch der Spätromantik verabschiedet hat. Ähnlich wie in seinen Essays über Literatur spielen dabei mehrere Aspekte eine Rolle, die radikale Autonomie und Kompromisslosigkeit der 12 Ton-Musik, ihr reflexiver Charakter, in der die Musik tendenziell zu ihrer eigenen Philosophie avanciert, und die Widerständigkeit, sich Profit und Publikumsgeschmack zu unterwerfen.

Adorno schreibt: Man darf die Zwölftontechnik nicht als eine "Kompositionstechnik" … missverstehen. Eher ist sie einer Anordnung der Farben auf der Palette zu vergleichen als dem Malen des Bildes. Das Komponieren beginnt in Wahrheit erst, wenn die Zwölftondisposition fertig ist.

Wenn die zweite Wiener Klassik heute im Konzerthaus angekommen ist, dann hat dies gewiss auch mit Adornos Philosophie zu tun, die nicht nur über Musik spricht, sondern von ihr durchdrungen ist.


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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Arnold Schönberg/1874 - 1951
Titel: Kammersymphonie Nr.2 op.38
* Con fuoco, molto adagio - 2.Satz (00:11:40)
Ausführende: English Chamber Orchestra
Leitung: Jeffrey Tate
Länge: 11:40 min
Label: EMI 7490572

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