Poesie im Bild

Bei der Zentralmatura ist die Gedichtinterpretation kein Thema mehr. Zum großen Missfallen von Autorinnenvereinigungen steht vielmehr das Verfassen von Gebrauchstexten im Fokus. Ein Grund für Kollegen Philipp Scheiner, zwei Jugendliche ins Studio zu bitten und sie mit einem Klassiker der Weltliteratur zu konfrontieren. In den "Tonspuren" beschäftigen wir uns heute mit Paul Celans "Todesfuge".

Gedicht und Geschichte

Nach Ausschwitz, schrieb der große Theodor W. Adorno, der vor genau 50 Jahren gestorben ist, könne man keine Gedichte mehr schreiben. Generationen von Lyrikern und Autorinnen arbeiteten sich an diesem apodiktischen Urteil ab. Wie ist es möglich, fragte man, das Unsagbare in Worte zu fassen? Wie kann es ethisch vertretbar sein, die größte Katastrophe der Menschheit, den Einbruch der Barbarei, in formvollendeten Versen zu ästhetisieren? Dass gerade die deutschsprachige Lyrik in der Nachkriegszeit eine letzte Blüte erlebte, bevor sie im Literaturbetrieb endgültig marginalisiert wurde, gibt zwar zu denken, bedeutet aber nicht zwingend, dass Adorno mit seinem Befund widerlegt worden ist. Doch es gab einen Autor, der Adornos Absage an das lyrisch Sprechen, mit seinem Werk in Frage stellte wie wohl kein zweiter. Mit der "Todesfuge" verfasste der jüdische Autor Paul Celan das berühmteste Gedicht über die Shoa.

Gedicht und Gestalt

Es war ein deutscher Aufklärer, der zu den ersten Schiftstellern gehörte, die das Verhältnis von Text und Bild systematisch beleuchteten. "Laokoon. Über die Grenzen der Malerei und der Poesie" heißt die Abhandlung Gotthold Ephraim Lessings, die in den Literaturwissenschaften als Gründungstext einer so genannten intermedialen Debatte gilt. Lessing befasste sich am Beispiel der Laokoongruppe einer antiken Skulptur, die heute noch im Vatikanischen Museum zu sehen ist, mit der Frage, welche Ausdrucksform überlegen sei: die bildende Kunst oder die Literatur. Die Laokoon-Gruppe zeigt den trojanischen Priester Laokoon und seine Söhne, die von Riesenschlangen angegriffen werden. Lessing vergleicht in seinem poetologischen Text die hellenistische Skulptur mit Vergils Darstellung des Todeskampfes in der "Aeneis". Lessing kommt zu dem Schluss, dass die bildende Kunst einen Moment einfriere, während die Literatur einen Handlungsverlauf darstellen könne. Während Johann Joachim Winkelmann die Überlegenheit der Bildhauerei postuliert hatte, entgegnete Lessing, dass die Poesie überlegen sei, da sie lineare Abläufe wiedergeben könne. Der Wettstreit der Künste ging in die nächste Runde. An diesen kunstgeschichtlich bedeutenden Wettstreit wollen wir freilich nicht anknüpfen. Aber auch wir sind davon überzeugt, dass das Verhältnis von Bild und Text eine Überlegung wert ist. Deshalb haben wir österreichische Autoren und Autorinnen gebeten, in unserer Reihe "Kunstgeschichten" über Werke der bildenden Kunst zu schreiben. Unser heutiger Gastautor Harald Friedl widmet sich in seinem Beitrag einer Fotografie.

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