Porträt des Schriftstellers Jiri Weil

Ein Leben mit dem Stern. Der tschechische Schriftsteller Jiri Weil. Feature von Sabine Nikolay

Jiri Weil waren nur 59 Lebensjahre vergönnt, und wäre er nicht Jude sondern Christ gewesen, müsste der Titel dieser "Tonspuren" lauten: Ein Leben unter dem Kreuz. Denn das irdische Dasein Jiri Weils fiel in die schlimmste Zeit des 20. Jahrhunderts in Europa: 1900 in Prag geboren erlebte er den Untergang der Monarchie, das Elend des Ersten Weltkriegs, die Aufbruchsstimmung der Zwanziger- und die wirtschaftliche Not der Dreißigerjahre.

Der überzeugte Kommunist emigrierte in die Sowjetunion, geriet in die Stalin'schen Säuberungen und überlebte das Exil in Zentralasien. 1935 zurück in Prag blieben ihm vier Schaffensjahre als Schriftsteller. 1937 veröffentlichte er "Moskau - die Grenze". In dem Roman verarbeitete er seine Erfahrungen mit dem Stalin-Regime. Nach dem Einmarsch der Deutschen 1939 wurde aus dem Intellektuellen Jiri Weil der Jude Georg Israel, er wurde gezwungen, im "Zentralmuseum der ausgelöschten jüdischen Rasse" zu arbeiten. 1942 entging er der Deportation nach Theresienstadt durch einen vorgetäuschten Selbstmord. Als er 1945 halb verhungert wieder auftauchte, lebte von seinen Verwandten niemand mehr.

Weil wurde "Moskau - die Grenze" zum Verhängnis; bis zu seinem Tod war er in der kommunistischen Tschechoslowakei mit Berufsverbot belegt. Sein Meisterwerk "Mendelssohn auf dem Dach" konnte erst 1960 postum erscheinen. Seine Romane und Erzählungen sind heute mangels Neuauflagen und Übersetzungen fast vergessen. Was für ein Verlust für die Welt der Literatur! Flott erzählt Weil - trotz der schweren Thematik - voller Witz und mit scharfem Blick für die Skurrilitäten des Alltags, selbst in der Diktatur, von den Niederungen und den Größen des menschlichen Charakters.

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