Frauenarmut, unerfüllter Kinderwunsch und Vulvakorrektur

45 Jahre Psychosomatische Frauenambulanz

12 Milliarden Euro, so viel gibt Österreich jährlich für psychische Erkrankungen aus. Hinter diesen hohen Kosten steht großes persönliches Leid. Aktuell sind etwa 442.000 Österreicherinnen und Österreicher von einer psychischen Erkrankung schweren Ausmaßes betroffen - Tendenz steigend. Oft befinden sie sich in einem Teufelskreis aus psychischen und somatischen Erkrankungen. Etwa zwei Drittel der psychisch erkrankten Personen sind weiblich. Das Allgemeine Krankenhaus Wien erkannte dieses Problem bereits 1974 und gründete damals die Psychosomatische Frauenambulanz. Mit der Veranstaltung "Frauenkörper und ihre Geschichten - der andere Blick" feiert die Ambulanz im November ihr 45-jähriges Bestehen und will auf die anhaltenden Herausforderungen für Frauen aufmerksam machen. Denn nach Marianne Springer-Kremser, der Begründerin der Psychosomatischen Frauenambulanz, spielt sich jede Psychotherapie oder Beratung im Kontext des herrschenden Werte- und Normensystems der Gesellschaft ab. Daher ist es wichtig, dass die rechtliche und gesellschaftliche Position von Frauen in der Frauengesundheit mitgedacht werden.

In der psychosomatischen Frauenambulanz

Die Psychosomatik geht davon aus, dass sich Körper und Psyche gegenseitig beeinflussen. Untersucht wird, wie körperliche Erkrankungen, zum Beispiel Schmerz, auf das psychische Wohlbefinden wirken und umgekehrt.
Psychosomatische Beschwerden können genetische, biologische, soziale und psychische Ursachen haben. Wichtig ist deshalb das Erstgespräch. In diesen 45 Minuten werden mittels Vorbefunden etwaige körperliche Ursachen für das gesundheitliche Problem der Patientin analysiert. Anschließend verschafft sich die Ärztin einen Überblick über die Lebenssituation der Frau.

Die drei wichtigsten Beschwerdebilder

Chronische Unterleibsschmerzen, sexuelle Probleme und unerfüllter Kinderwunsch - das sind die drei häufigsten Themen in der Psychosomatischen Frauenambulanz am AKH in Wien. Zudem setzen gesellschaftliche Erwartungen, etwa eine genussvolle Schwangerschaft zu erleben, lange zu stillen, aber so schnell wie möglich wieder in die Arbeitswelt einzusteigen und attraktiv für den Partner zu sein, viele Frauen unter Druck.

Schöne, neue Welt der Reproduktionsmedizin

Neue reproduktionsmedizinische Methoden ermöglichen vermeintlich mehr Selbstbestimmung für Frauen. Sie können sich auf ihre Karriere konzentrieren und zum Zeitpunkt ihrer Wahl mittels künstlicher Befruchtung schwanger werden. Oft werden jedoch die körperlichen und seelischen Risiken, die im Zuge von Hormontherapien oder Entnahmen von Eizellen bis hin zu Mehrlingsschwangerschaften entstehen, außer Acht gelassen.

Die Vulva im Rampenlicht

Ein anderes Problem ist die weibliche Sexualität. Auch wenn man es nicht vermuten würde, spiegelt sich dieses in der Sprache wider. Fast ausschließlich spricht man von Scheide oder Vagina und nicht von der Vulva, die das eigentliche Genital ist. Was sagt das über eine selbstbestimmte Sexualität aus?
"Erst kürzlich haben wir im Zuge einer Studie bemerkt, dass sich sehr wenige Frauen mit ihren Genitalien beschäftigen. Viele Frauen wissen auch nicht, wie sie zu einem Orgasmus kommen und lehnen ihre eigenen Geschlechtsteile ab", erklärt Dr.in Katharina Leithner-Dziubas, Leiterin der psychosomatischen Frauenambulanz am AKH in Wien. Mittlerweile versuchen Projekte wie "Viva la Vulva", von der Künstlerin Gloria Dimmel und dem Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, die Vulva ins Rampenlicht zu rücken und klären über das weibliche Genital auf.

Man darf es kaum aussprechen: Sex über 60

Schließlich gewinnt ein anderes Tabuthema immer mehr an Bedeutung: die Alterssexualität. Denn wir werden immer älter und je länger man sexuell aktiv ist, desto gesünder bleibt man. Immerhin ist Sexualität eine Quelle für Lebensqualität und positives Selbstwertgefühl. Man versucht attraktiv zu bleiben, ist weniger einsam und so kann man sich nicht nur vor Alters-Depressionen, sondern auch vor körperlichen Erkrankungen schützen. Trotz dieser Vorteile ist Sex im Alter noch immer unsichtbar in der Öffentlichkeit. Besonders für ältere Frauen ist es schwer, ihre Sexualität in dieser Lebensphase auszuleben, denn sie sind häufiger von Altersarmut betroffen und übernehmen eine pflegende Rolle. Sexualität ist dann zweitrangig.

Moderation: Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos
Sendungsvorbereitung: Johanna Hirzberger, MA. MA.
Redaktion: Dr. Christoph Leprich

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Haben Sie oder eine Angehörige Erfahrungen mit psychosomatischen Erkrankungen gemacht?

Haben Sie chronische Unterleibsschmerzen?

Hatten Sie bereits eine Brust- oder Gebärmutteroperation?

Leiden auch Sie unter Mehrfachbelastungen?

Haben oder hatten Sie selbst einen unerfüllten Kinderwunsch?

Wie erleben Sie den Umgang mit Sexualität im Alter?






Service

Sendungsgäste:

Prim. Univ.-Prof.in DDr.in med. Barbara Maier
Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Vorständin der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe des Wilhelminenspitals des KAV
Homepage

Assoc. Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Katharina Leithner-Dziubas
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin; Leiterin der Psychosomatischen Frauenambulanz, stellvertretende Leiterin der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MeduniWien; Psychoanalytikerin (WPV); TFP-Supervisorin
Homepage


Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Programm: Frauenkörper und ihre Geschichte, der andere Blick
Österr. Gesellschaft für Psychosomatik in Gynäkologie und Geburtshilfe
Institut für Psychosomatik und Verhaltenstherapie
Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie, LKH Graz
Bereich Psychosomatik im LKH der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (Uniklinikum Salzburg)
Department für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Uni Innbruck
Frauen beraten Frauen: Institut für Frauenspezifische Psychotherapie
Sexualmedizin interdisziplinär - 6. Wissenschaftlicher Kongress der österr. Gesellschaft zur Förderung der Sexualmedizin und der sexuellen Gesundheit
Die Geschichte der Vulva und warum sie in Vergessenheit geraten ist
Tabuthema: Alterssexualität
Depressionen bei Männern und Frauen

Buch-Tipps:

Mithu M. Sanyal, "Vulva: Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts", Verlag: Wagenbach, Verlag Klaus (13. März 2017)

Dr.in med. Sheila de Liz, "Unverschämt: Alles über den fabelhaften weiblichen Körper",
Verlag: Rowohlt Taschenbuch; Auflage: 4. (26. März 2019)

Dr.in Helga Pohl, "Unerklärliche Beschwerden? Chronische Schmerzen und andere Leiden körpertherapeutisch verstehen und behandeln", Verlag: Knaur MensSana HC; Auflage: 13 (5. Mai 2010)

Sendereihe