Ein Mann packt eine Frau an ihren Händen

APA/DPA/MAURIZIO GAMBARINI

Mord ist Mord und kein "Beziehungsdrama"

Wie kann das Tabu "häusliche Gewalt gegen Frauen" gebrochen werden?
Gäste: Birgitt Haller, Politik- und Rechtswissenschaftlerin und wissenschaftliche Leiterin am Institut für Konfliktforschung & Barbara Ille, Dipl. Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin, Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie.
Moderation: Elisabeth Scharang.
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Schätzungen zufolge ist jede fünfte Frau in Österreich einmal in ihrem Leben von Gewalt durch einen nahen männlichen Angehörigen betroffen. Diese Schätzung beruht auf den Daten der Hilfseinrichtungen. Damit sind die Frauen nicht erfasst, die aus Angst, Abhängigkeit oder Scham die Täter nicht anzeigen und sich keine Hilfe suchen.

"Frauen, die Gewalt erleben, versuchen vieles, um die Situation zu verändern", weiß Barbara Ille aus ihrer Arbeit in der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie. "Erst wenn alle Versuche fehlschlagen, suchen sie Hilfe von außen. Einige Frauen werden von ihren Männern kontrolliert und isoliert und haben Angst, sich jemandem anzuvertrauen. Viele Betroffene haben weder Bekannte oder Verwandte, an die sie sich wenden können und oft geringe finanzielle Mittel. Das bedeutet, dass sie große Angst vor den Folgen einer Flucht haben."

41 Frauen wurden im Vorjahr ermordet (2017 waren 34), die Täter waren in den meisten Fällen Partner, Ex-Partner oder Familienangehörige, wie die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt.

Die Sozialwissenschafterin Laura Wiesböck wies am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen letzte Woche vehement darauf hin, wie wichtig es sei, von "Männergewalt" anstatt von "Gewalt gegen Frauen" zu sprechen, um damit die Ursache zu thematisieren und das Problem nicht unsichtbar zu halten.

"Ein Knackpunkt ist das Patriarchat", sagt Birgitt Haller, die seit vielen Jahren zum Thema Gewalt und Geschlecht forscht. "Altmodische Frauenbilder sind ein Boden, auf dem die Gewalt gut gedeiht, und Täter legitimieren ihre Handlungen mit diesen Ansichten auch vor Gericht; das zeigen unsere Studien."

Was braucht es, damit Gewalt von Männern an Frauen in der Öffentlichkeit nicht mehr als Familiendrama heruntergespielt wird, sondern als das benannt wird, was es ist: eine Straftat? Was für eine Verantwortung haben die Medien? Welche Rolle spielt die Justiz? Was braucht es, um den Boden so zu bereiten, dass betroffene Frauen sich trauen, Hilfe zu suchen und abgewiesene Männer ihre Familien nicht niedermetzeln?

Laut einer Studie aus dem Jahr 2017, die Birgitt Haller geleitet hat, werden ältere Frauen öfter von ihren Ehemännern oder Lebensgefährten misshandelt als jüngere. 200.000 bis 300.000 über 60-jährige Frauen könnten laut einer Schätzung von häuslicher Gewalt betroffen sein. "Beschimpfungen, sexuelle Übergriffe oder finanziellen Druck nehmen Frauen der älteren Generation oftmals gar nicht als Gewalt wahr," kommentiert Birgitt Haller das Ergebnis der Studie. "Befragungen der Betroffenen zeigen, dass ein Großteil der Frauen erst nach massiven körperlichen Misshandlungen Hilfe sucht. Meist kommt dieser Schritt erst nach Jahrzehnten."

In Punkt eins diskutiert Elisabeth Scharang mit Barbara Ille und Birgitt Haller über die Mechanismen von Gewaltspiralen und welche Ausstiegsszenarien es gibt, über fehlende öffentliche Solidarität mit von Gewalt betroffenen Frauen und den Umgang mit Tätern.

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Sendereihe

Playlist

Urheber/Urheberin: Amy Winehouse
Titel: Back to Black
Ausführender/Ausführende: Amy Winehouse
Länge: 03:58 min
Label: Island (Universal)

Urheber/Urheberin: Schmieds Puls
Titel: Bones
Ausführender/Ausführende: Schmieds Puls
Länge: 03:42 min
Label: Seayou Records (Rough Trade)

Urheber/Urheberin: Cassandra Wilson
Titel: Never broken
Ausführender/Ausführende: Cassandra Wilson
Länge: 05:13 min
Label: Blue Note

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