Aussicht auf Bergen in Norwegen

AFP/ERIC PIERMONT

Der alte Mann und die Kreuzfahrt

"Das Jahr". Von Tomas Espedal. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Es liest Till Firit.

Tomas Espedal erträgt es nicht, seinen Vater altern zu sehen. Ihn, sein Idol mit der vom Boxen gebrochenen Nase. Wenn der alte Mann zum Essen kommt, hat er ein blaues Auge - aber vom Sturz über die Teppichfalte. Die Wohnung verlässt er kaum. Also nimmt ihn der Schriftsteller mit auf eine Kreuzfahrt. Reduziert, poetisch und mit einem Witz, der schnell in etwas Dünkleres kippt, bildet der Reisbericht den Höhepunkt seines autofiktionalen Romans "Das Jahr".

Viele kennen Karl Ove Knausgard, den Literatur-Popstar, der mit seinem Zyklus "Min Kamp" eine brutale Autofiktionalität nach Norwegen brachte. Weniger Leser kennen Tomas Espedal, Jahrgang 1961, enger Freund und einst Knausgards Schreiblehrer. Dabei ist sein eben im Original abgeschlossenes, zehnbändiges Projekt ähnlich radikal. Darin verarbeitet er den Tod der Mutter und der Ex-Frau, den Verlust der deutlich jüngeren Freundin und die Hassliebe zu seiner Heimatstadt Bergen.

Im neunten Teil "Das Jahr" ist Espedal - alternd, trinkend und weidwund - noch immer nicht über den Verlust seiner letzten, Jahre zurückliegenden Beziehung hinweg und fragt sich, ob es die von Petrarca in den "Canzoniere" besungene, ewige Liebe heute noch geben kann. Von dieser Frage schwenkt er aber immer wieder ab, etwa auf das Kreuzfahrtschiff. Nur um dort festzustellen, dass ihn die wiederkehrenden großen Themen Tod, Liebe und Verlust auf hoher See erst recht nicht loslassen. Und dass ihm der alte Mann ein paar Gewissheiten voraus hat.

Gestaltung: Antonia Löffler

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Tomas Espedal, "Das Jahr". Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Erschienen im Verlag Matthes & Seitz Berlin, 2019

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