Eine Frau schläft am Flughafen auf ihrem Koffer ein

AFP/BEN STANSALL

Warten

Erkundigungen zur Nichthandlung im hyperaktiven Zeitalter
Gestaltung: Michael Reitz

Das Warten ist aus der Mode gekommen, sein Ruf ruiniert.
In unserer Epoche steigern sich mit hoher Geschwindigkeit die Prozessorleistungen der Computer, Informationen sind in kürzester Zeit zu haben, im wahrsten Sinne des Wortes wird nicht mehr der günstige Augenblick für die Partnerwahl und -suche hoffnungsvoll erwartet, sondern ihm mit digitalen Plattformen nachgeholfen. Lange vor Weihnachten liegen die Lebkuchen in den Regalen der Supermärkte, je nach Kirchenkalender dicht gefolgt von Osterhasen im Januar.
Ganze Wirtschaftszweige leben davon, uns die Wartezeiten bei Telefon-Hotlines zu verkürzen.
Wir fürchten uns vor dem Warten, kommen nicht auf die Idee, es als Zeit der Muße zu sehen und zu nutzen, indem wir uns warten. Der Wert einer Gesellschaft, einer Ökonomie, eines Unternehmens scheint immer daran gemessen zu werden, wie lange man auf etwas warten muss. Am Warten zeigt sich eine paradoxe Einstellung: man weiß genau, dass man in dieser Zeit keine Bäume ausgerissen oder Weltreiche erobert hätte - und regt sich trotzdem darüber auf.

Wo liegen die Vorteile des Wartens? Die plötzliche Chance der Entschleunigung, denn der Wechsel zwischen Warten und Ankommen ist etwas Kostbares. Siegfried Kracauer beschrieb in den 1920er Jahren diesen Zustand in seinem Essay "Die Wartenden". Ihm ging es um die Menschen, die angesichts der völligen Entfremdung in den Industriegesellschaften sich eben nicht in oberflächlichen Ablenkungen verlieren, sondern in einem "zögernden Geöffnetsein" darauf hoffen, einen Sinn in ihrem Leben zu finden.

Ein Salzburger Nachtstudio von Michael Reitz

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