Mann betrachtet Gemälde von Mark Rothko

AP/DOMENICO STINELLIS

Gustav Schörghofer über Mark Rothko

"Im Dialog mit der Kunst". Mit der spirituellen Bild-Sprache von Mark Rothko beschäftigt sich Gustav Schörghofer, Jesuit und Künstlerseelsorger.

Mark Rothko hat sich in seiner Kunst aller Dinge entledigt. Letztlich sind nur Farbflächen geblieben. Mitunter ist die große Fläche monochrom. Meistens sind Farbflächen in eine sie umfangende Farbfläche eingebettet. Die Ränder sind unscharf. Die Farbe hat etwas Vibrierendes. Es ist, als käme mir etwas entgegen, als erginge ein Ruf an mich. Die Bilder sind von stiller Leidenschaft erfüllt und eröffnen das Tor zu einem Wunder. Sie lehren mich, das bereits Verlorene, das Verworfene neu zu entdecken. Mit einem Mal wird die Welt reich. Sie teilt sich mit.

Wie komme ich heute in die Nähe des Wunders? Wie komme ich in die Nähe der Dinge, wo ihre Ursprünglichkeit offenbar wird, das ganz und gar nicht Selbstverständliche ihrer Gegenwart? Wie komme ich dahin, dass mich die Dinge wieder berühren, dass ich an den Rand eines Geheimnisses gerate, staunend hautnah zum Wunder?

Wir sind übersättigt, vollgestopft mit Eindrücken, vollgestopft mit Bedürfnissen und dauernd bedrängt von all dem, was diese Bedürfnisse befriedigen soll. Um uns herum lagern sich immer mehr Dinge ab, nicht mehr Gebrauchtes, nicht mehr Interessantes, nicht mehr Verwendbares. Wir verbrauchen Welt und Menschen. Die Erinnerung an Vergangenes gleicht einer Müllhalde, einem Berg von Abfall.

Die Nähe zum Wunder muss ich wollen. Ich muss lernen, dass das Wunder nicht in Zukunft zu entdecken ist, sondern in all dem, was ich als Verbrauchtes hinter mir gelassen habe. Mit dem Blick auf Vergangenes kann ich entdecken, dass mich das Wunder schon immer begleitet hat, dass ich ihm immer schon nahe war. Ich kaue das trockene Brot der verworfenen Dinge und entdecke den Geschmack des Geheimnisses. Ich kaue das trockene Brot der schlichten Gesten, der hilflos scheinenden Zuwendung, der kleinen Worte. Ich kaue das trockene Brot all der schlechten Erfahrungen, der mir zugemuteten Gemeinheit, der erlittenen Ungerechtigkeit. Und ich entdecke, dass mich all das weit mehr in die Nähe des Wunders geführt hat als die Annehmlichkeiten eines mit Begehrenswertem vollgestopften Lebens. Das Wunder ist nahe. Um es hautnah zu verspüren, muss ich mich allerdings meiner Habseligkeit entledigen. Das kann in der Kunst von Mark Rothko erfahren werden.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Titel: Sonate für Violine und Cembalo Nr.6 in G-Dur BWV 1019
* Adagio - 4.Satz (00:04:13)
Solist/Solistin: Glenn Gould /Klavier
Solist/Solistin: Jaime Laredo /Violine
Länge: 04:13 min
Label: CBS M2K 42414

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