Die deutsche Schauspielerin Martina Gedeck mit Filmhund während einer Szene

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Julian Pölsler über Marlen Haushofer

"Ein neues Leben in der fremden Welt". Julian Pölsler, Regisseur und Drehbuchautor, greift Aspekte aus dem Film "Die Wand" heraus und stellt seine persönlichen Assoziationen und Gedanken dazu vor

In ihrem Roman "Die Wand" schreibt die oberösterreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer über Veränderung und Verwandlung:

"Ich nahm mir auch fest vor, täglich die Uhren aufzuziehen und einen Tag vom Kalender abzustreichen. Das schien mir damals sehr wichtig, ich klammerte mich geradezu an die spärlichen Reste menschlicher Ordnung, die mir geblieben waren. Ich weiß nicht, warum ich das tue, es ist fast ein innerer Zwang, der mich dazu treibt. Vielleicht fürchte ich, wenn ich anders könnte, würde ich langsam aufhören, ein Mensch zu sein, und würde bald schmutzig und stinkend umherkriechen und unverständliche Laute ausstoßen. Nicht dass ich fürchtete, ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm, aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorüber in einen Abgrund. Ich will nicht, dass mir dies zustößt. In letzter Zeit habe ich gerade davor die größte Angst, und diese Angst lässt mich meinen Bericht schreiben."

Die Angst vor der Verwandlung ist eine dieser großen Ängste, die sich mitunter breit machen in der Seele oder wo auch immer. Dabei ist Verwandlung ja nicht immer so zu sehen wie in Kafkas Erzählung. Allein der erste Satz seiner Erzählung zeigt, welche bislang ungeahnte und ungedachte Dimensionen sich im Denken eröffnen können: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Was ist mit mir geschehen, dachte er."

Ja, was geschieht mit mir? Mein Körper verändert sich ja ständig und im Spiegel sehe ich jeden Morgen, wie er sich verändert. Wie aber verändert sich all das, was nicht im Spiegel zu sehen ist? Und was kann ich dagegen tun? Einen Bericht schreiben, wie die Frau in Haushofers "Wand"? Oder mich, wie in Kafkas Erzählung, mich in mein Schicksal fügen und als letzte Konsequenz aller Verwandlungen einfach einwilligen und mich bereit machen für die größte aller Verwandlungen?

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Album: BACH: SONATEN U.PARTITEN FÜR VIOLINE SOLO BWV 1001-1006 - J.Fischer
* Corrente - 2.Satz (00:02:28)
Titel: Partita für Violine Nr.2 in d-Moll BWV 1004
Solist/Solistin: Julia Fischer /Violine < Jean Baptiste Guadagnini, 1750 >
Ausführender/Ausführende: Julia FISCHER/geb.1983 München
Länge: 02:28 min
Label: PentaTone classics 5186072 (2

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