Häferl und Buch von Marlen Haushofer

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

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Radiokolleg - Die Schreibende am Küchentisch

Marlen Haushofer - Wegbereiterin der feministischen Literatur in Österreich (1). Gestaltung: Günther Kaindlstorfer

Mit ihrem Endzeit-Thriller "Die Wand" hat die österreichische Autorin Marlen Haushofer Anfang der 60er-Jahre ein Meisterwerk der feministischen Moderne vorgelegt. Ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen des Romans, 2019, avancierte "Die Wand" auch in Frankreich zum Sensationsbestseller: Die Bloggerin "Diglee" hatte Haushofers postapokalyptische Robinsonade in einem Pariser Antiquariat entdeckt und ihrer Begeisterung über die Qualitäten des Buchs auf "Instagram" Ausdruck verliehen. Die Folge: Die Verkäufe der französischen Ausgabe schossen nach oben. "Es ist verrückt, manchmal geht alle drei Sekunden ein Exemplar über den Tisch", erklärte eine Mitarbeiterin der Pariser Buchhandlung "Ici".

Zu Lebzeiten ist Marlen Haushofer, trotz beachtlicher Erfolge, der ganz große Durchbruch versagt geblieben: 1920 als Tochter eines Revierförsters und einer Kammerzofe in Frauenstein im oberösterreichischen Steyrtal geboren, hat Haushofer in knapp dreißig Schaffensjahren fünf Romane, mehrere Erzählbände und einige erfolgreiche Kinderbücher veröffentlicht, darunter den Klassiker "Brav sein ist schwer". Ihrer eigenen Kinderzeit in den oberösterreichischen Voralpen hat die Autorin in ihrem Roman "Himmel, der nirgendwo endet" ein bewegendes Denkmal gesetzt.

Marlen Haushofer hat sich in ihren Büchern immer wieder mit der existenziellen Ausgesetztheit des Menschen und mit der Beschränktheit weiblicher Individualisierungschancen im Patriarchat auseinandergesetzt. Auf den ersten Blick kommen ihre Texte konventionell daher, hinter der stilistischen Lakonik verbirgt sich aber eine ästhetische und analytische Radikalität, die ihresgleichen sucht in der deutschsprachigen Literatur. Haushofer selbst - viele Jahre als Zahnarztgattin in Steyr lebend - hat sich als Spezialistin für die Doppelbödigkeiten der bürgerlichen Existenz gesehen: "Gerade diese Mischung von Dämonie und Idylle bereitet mir das größte Unbehagen und fasziniert mich zugleich", bekannte sie.

"Als Schreibende am Küchentisch so etwas wie die Gegenfigur zu Ingeborg Bachmann, ist es Marlen Haushofer gelungen, die gesellschaftlichen Widersprüche der ersten Nachkriegsjahrzehnte wie auch die Widersprüche der eigenen Existenz zwischen Provinz und Hauptstadt, zwischen Zahnarztgattin und Künstlerin, für ihr Werk produktiv zu machen", urteilt Daniela Strigl, die Biographin der Schriftstellerin: "Haushofers dem Existentialismus verpflichtete Analyse weiblicher Lebenswirklichkeit im bürgerlichen Familienarrangement der Wiederaufbauzeit wurde erst von der Frauenbewegung der 1980er Jahre gewürdigt".

Service

Daniela Strigl: "Wahrscheinlich bin ich verrückt - Marlen Haushofer - Die Biographie", Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin, 416 Seiten, ISBN: 9783548607849

Marlen Haushofer: "Die Wand", Roman, Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin, 288 Seiten, ISBN: 9783548605715

Marlen Haushofer: "Himmel, der nirgendwo endet", Roman, Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin, 224 Seiten, ISBN: 9783548060675

Marlen Haushofer: "Die Mansarde", Roman, Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin, 224 Seiten, ISBN: 9783548061764

Marlen Haushofer: "Die Tapetentür", Roman, Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin, 208 Seiten, ISBN: 9783423191050

Marlen Haushofer: "Wir töten Stella" und "Das fünfte Jahre", Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin, 112 Seiten, 9783548291390

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  • Günther Kaindlstorfer

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