Josef Haslinger

APA/HERBERT NEUBAUER

Josef Haslinger über seinen Glauben

"Was glauben Sie?" Der Schriftsteller Josef Haslinger erzählt u. a. über traumatisierende Erfahrungen in seiner Schulzeit und wie seine Familie den Tsunami 2004 überlebte

"Ich bin in dieser Religion kulturell verwurzelt, und ich habe Geschwister und Freunde, die in kirchlichen Diensten stehen. Immer noch hoffe ich mit ihnen, dass die Kirche sich gründlich reformieren lässt, damit sie endlich Menschenrechtsniveau erreicht, bevor sie allen Zögerlichen voranschreiten kann in der weltweiten Verwirklichung der Nächstenliebe." - Das schreibt der Schriftsteller Josef Haslinger gegen Ende seines aufsehenerregenden Buchs "Mein Fall".

Einst wollte er Priester werden und in die Mission gehen. Haslinger ist aber später aus der katholischen Kirche ausgetreten und wenn man die traumatisierenden Erfahrungen von Gewalt und des sexuellen Missbrauchs nachliest, die er in seiner Schulzeit der 1960er-Jahre als Zögling im Zisterzienserstift Zwettl erleiden musste, kann man seine Entscheidung nachvollziehen. 50 Jahre lang hat er mit der Aufarbeitung seiner persönlichen Geschichte gewartet, weil er den bis dahin noch lebenden Klerikern "nicht den Lebensabend versauen wollte".

Sein Bericht "Mein Fall" entstand im Anschluss an seine Gespräche mit der unabhängigen Opferschutzanwaltschaft für Opfer von Missbrauch in Kirche und Gesellschaft. Es ist ein beklemmendes Zeugnis eines Systems der Verführung, der Angst und des Schweigens, das nach schonungsloser Aufarbeitung ruft.

Josef Haslinger, der im Waldviertel als Bauernbub aufwuchs, studierte Philosophie, Theaterwissenschaft und Germanistik. 1980 promovierte er mit der Arbeit "Die Ästhetik des Novalis". Bereits in seinem literarischen Erstling "Der Konviktskaktus und andere Erzählungen" setzte er sich mit seinen Erfahrungen als Konviktszögling in Stift Zwettl auseinander.

Haslinger war früh gesellschaftspolitisch aktiv und war 1992 Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation "SOS Mitmensch". Seinen Durchbruch zum Bestsellerautor mit zeitkritischem Anspruch schaffte Haslinger mit den Romanen "Opernball" (1995) und "Das Vaterspiel" (2000), die beide auch verfilmt wurden. Ab 1996 lehrte er zusätzlich als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. In seinem 2007 erschienenen Werk "Phi Phi Island" verarbeitete Haslinger seine Erlebnisse während des Thailand-Urlaubs seiner Familie über Weihnachten 2004. Haslinger, seine Frau Edith sowie die Kinder Sophie und Elias erlebten auf Phi Phi Island den Tsunami hautnah. Nur mit viel Glück überlebten alle Familienmitglieder die Naturkatastrophe. 2013 wurde Josef Haslinger zum Präsidenten des Deutschen PEN-Zentrums gewählt. - Eine Wiederholung vom 25.4.2020 im Rahmen der "Logos"-Sommerreprisen.

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