Gerhard Weißgrab über Hiroshima und Nagasaki

Erinnerung und Mahnung an Hiroshima und Nagasaki von Gerhard Weißgrab, Präsident der Buddhistischen Religionsgesellschaft in Österreich

Am 6. August 1945, um 8 Uhr 15 zerstörte "Little Boy" die japanische Stadt Hiroshima und mit ihr im selben Augenblick das Leben und die Existenz zehntausender Menschen - von einem Augenblick zum nächsten wurde Leben ausgelöscht und weiteres neues Leiden in die Welt gebracht.

"Little Boy" war die nette Bezeichnung für die erste Atombombe, die ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt wurde.

"Fat Man", die zweite und bis heute zum Glück letzte Atombombe, die gezielt zur Vernichtung von Leben eingesetzt wurde, zerstörte am 9. August 1945 um 11 Uhr 02, bei ihrem Aufprall in Nagasaki eine noch höhere Zahl an Leben.

Aufgrund der Covid-19-Pandemie entfällt heuer die Feier bei der Friedenspagode in Wien, die jedes Jahr in den ersten August-Tagen zur Erinnerung und Mahnung an dieses Geschehen stattfindet.

Seit damals sind genau 75 Jahre vergangen und wir können uns fragen: Was waren die Konsequenzen dieses Geschehens? Und: Was haben wir daraus gelernt?

Ich plädiere dafür, die Frage noch breiter zu stellen, nicht nur in Bezug auf die kriegerische Nutzung von Atom, sondern auch in Bezug auf die friedliche Anwendung.

Am 26. April 1986 explodierte der Block 4 des Atomreaktors von Tschernobyl und am 11. März 2011 zerstörte eine Tsunami-Welle eine Zuleitung der Kühlanlage des Atomreaktors von Fukushima mit verheerenden Folgen.

Beide Vorfälle im Rahmen friedlicher Nutzung der Atomspaltung hatten ebenfalls dramatische Konsequenzen für Menschen, Tiere und Umwelt.

Aus buddhistischer Sicht geht es darum, die Wurzeln für Fehlentwicklungen zu erkennen und an deren Behebung zu arbeiten.

Wir sollen jetzt, 75 Jahre später, genau hinschauen, wo heute die Bomben existieren oder gebaut werden, die morgen explodieren könnten.

Da ist einerseits immer noch die steigende Zahl an atomaren Waffen - und auch die Gefahren der friedlichen Nutzung von Atomkraft stellen eine reale Bedrohung für Menschenleben und Natur dar.

Aber die großen Gefahren der heutigen Zeit beschränken sich leider nicht nur auf die Folgen der Atomspaltung. Was uns heute auch - wenn auch in anderer Form - bedroht, ist die Spaltung unserer Gesellschaft.

Nicht die große Diversität und Meinungsvielfalt unserer Zeit stellt ein Problem für ein friedvolles Miteinander dar, es ist die immer rigorosere Haltung eines Entweder Oder!

Während die Vielfalt schon in der Evolution eine Grundvoraussetzung dafür war, dass sich Leben überhaupt entwickeln konnte, wird sie heute immer öfter zum Anlass für Konflikt und Streit.

Eine der Lehren aus dem Schrecken der Zeit vor 75 Jahren könnte auch darin bestehen, dass wir versuchen, unseren Entweder-oder-Standpunkt in einen Sowohl- als-auch-Standpunkt umzuwandeln.

Dieses Sowohl-als-auch bedeutet aus meiner Sicht sicher keine Beliebigkeit, wie immer wieder viele Hüter der vermeintlich reinen Wahrheit befürchten. Was es aber schon bedeutet, ist viel Arbeit und Aufmerksamkeit für jeden und jede von uns. Mir geht es darum, einen kritischen Blick zu entwickeln und es verlangt auch immer wieder danach, den eigenen Standpunkt in Frage zu stellen.

Damals, in den Jahren des Zweiten Weltkriegs war bestimmt wenig Platz für solche Überlegungen eines Sowohl-als-auch und es waren die Extreme, welche in den Köpfen der damaligen Entscheidungsträger das Kommando geführt haben.

Der Buddhismus spricht auch vom Weg der Mitte, davon, Extreme zu meiden.

In den Alltag übersetzt bedeutet das dann: Wir sollten uns in großen wie in kleinen Dingen um einen solchen Weg bemühen. Manchmal können sich dabei auch extreme Standpunkte ergeben - sie dürfen aber aus buddhistischer Sicht nicht beibehalten werden, sondern dienen nur als Wegweiser auf der Suche nach der Mitte.

Damit dann unversöhnliche Haltungen aufgelöst werden können und ein Konsens gefunden werden kann.

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