Christoph Schlingensief

APA/BARBARA GINDL

Gedanken für den Tag

Hubert Gaisbauer über Christoph Schlingensief

"Das Leben ist schön". Der Publizist Hubert Gaisbauer über den erst fünfzigjährig verstorbenen Künstler, anlässlich dessen 10. Todestages

"So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein" - das ist der Titel jenes Buches, das vor zehn Jahren lange auf allen Bestsellerlisten stand, der Autor: Christoph Schlingensief. Das Tagebuch seiner Erkrankung an Lungenkrebs, in ein Diktafon gesprochen. Ein Manifest sollte es sein "gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens". Ehrlich, aggressiv, oft sogar wie ein zorniges Gebet. Manchmal auch zärtlich, wie sein entwaffnendes Lächeln.

Einmal, im Aufwachzimmer nach einer Untersuchung, steht neben ihm das Bett eines Kindes mit seiner Mutter. Was fehlt dem Kind? Es gehe immer nur auf den Zehenspitzen, erzählt die Mutter. Schlingensief darauf: "Wissen Sie, warum Ihr Kind das tut? Ihr Kind ist einfach ein hochintelligentes Kind. Das sind die, die auf Zehenspitzen durch die Welt laufen… Als ich dann weggefahren wurde", erzählt er, "hat mir die Mutter zugelächelt. Das war wunderschön!"

Dann die Operation. Schlingensief musste ein Lungenflügel entfernt werden. In der Nacht darauf Panik und Angst. Da schreit plötzlich ein Kind. "Oh Gott", denkt er, "das Kind stirbt, dem geht's auch so dreckig." Und da habe ich gesagt, "lasst doch das Kind leben und lasst mich sterben. Aber ich will nicht sterben", dachte ich dann, "ich will noch ganz ganz viel auf der Erde tun!" In dem Moment hört das Kind auf zu schreien. "O Gott", dachte Schlingensief, "die haben mich beim Wort genommen, jetzt lebe ich, und das Kind ist tot."

Ein Arzt erzählt ihm am nächsten Morgen, dass mit dem Kind alles in Ordnung ist, es hatte nur eine kleine Operation. Später beginnt Schlingensief zu begreifen, wie sehr sich in seiner Krankheit sein Blick auf die Welt ändert, "und ich weiß", sagt er, "dass ich so lange ich noch lebe, diese Welt etwas anders anschauen werde, vielleicht auch wie das Kind in der Intensivstation etwas mehr auf den Zehenspitzen über die Erde laufen werde."

Service

Susanne Gaensheimer (Hg.), "Christoph Schlingensief, Deutscher Pavillon 2011", Katalog zu „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, Kiepenheuer & Witsch
Christoph Schlingensief, „So schön wie hier kanns im Himmel nicht sein. Tagebuch einer Krebserkrankung", Kiepenheuer & Witsch
Christoph Schlingensief / Aino Laberenz (Hg.), „Ich weiß, ich wars“, btb Taschenbuch

Film: schlingensief. in das schweigen hineinschreien

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Walter Braunfels
Album: WALTER BRAUNFELS - Vol.3
* III. Ruhig - (00:09:10)
Titel: Serenade op.20 - für Orchester
Orchester: BBC Concert Orchestra
Leitung: Johannes Wildner
Länge: 09:10 min
Label: DUTTON CDLX7327

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