Grashalme im Sonnenaufgang

APA/DPA/CHRISTOPHE GATEAU

Radiokolleg - Freiräume

Was ist denkbar und was machbar? (3). Gestaltung: Christa Nebenführ

Die Corona-Pandemie hat den Verlust realer Freiräume, aber auch einen Zuwachs individueller Freiräume deutlich gemacht. Der Wegfall der Ortsbindung mancher Unternehmungen löst diese auch von ihrer Zeitbindung. Nicht mehr die Stechuhr entscheidet, sondern das Arbeitspensum. Zugleich hat die Verlagerung von Kontakten ins Internet die sozialen Hürden für den Eintritt in die Freiräume der digitalen Welt aufgezeigt.

In Kärnten wurde beispielsweise von der Bildungsdirektion erhoben, dass mindestens 9.000 Pflichtschüler nicht über die technischen Voraussetzungen für Homeschooling verfügen. Sie haben keinen Zugang zu einem geeigneten Computer.

Gibt man den Begriff "Freiraum" in eine Internet-Suchmaschine ein, ploppt eine Liste mit Restaurants, Cafés, Bars, Ausbildungsstätten, Immobilienangeboten oder Praxisgemeinschaften auf. Aber weder ein Lokal noch ein Produkt mit dem Beiwort "frei" vermittelt seinen Konsumenten mehr "Freiraum" oder "Freiheit" als andere. Was vermittelt wird, ist ein Assoziationsraum, der eine Marke mit einem diffusen positiven Gefühl verknüpfen soll.

Im Gegensatz zur unbegrenzten Freiheit sind Freiräume aber durch ihre Begrenzung gekennzeichnet. Ob es sich um Eigenständigkeiten handelt, die man sich in einer Beziehung zugesteht, um kreative Zeitfenster in der Organisation eines Unternehmens oder um nicht-kommerziell nutzbare Räumlichkeiten: Sie alle sind in eine umgebende Struktur eingebettet - sei es die Beziehungsverbindlichkeit, die Produktionsabläufe oder die wirtschaftliche Erschließung eines Geländes.

Es handelt sich dabei entweder um Zeiten, Orte und anderen Verbindlichkeiten, die freie Zonen beinhalten oder um die Aneignung bestimmter Zonen, in denen die vorgesehene umgebende Ordnung durchbrochen wird. Das reicht vom Kaffeeklatsch während der Arbeitszeit bis zur kollektiven Besetzung unterschiedlichster Areale.

Christa Nebenführ hat in Wien, Hamburg und Kopenhagen recherchiert, welche Freiräume die Bürgerinnen und Bürger dieser Städte nützen können und wollen. Dabei steht das soziale Experiment der Freistadt Christiania in Kopenhagen im Vordergrund, weil es Anstoß für die Hausbesetzerbewegung in anderen Städten war. In Kopenhagen rissen Einwohner der umliegenden Stadtteile am 4. September 1971 die Zäune eines verlassenen Militärgeländes ein und bezogen die dort leerstehenden Gebäude. Trotz mehrerer Räumungsversuche besteht die Freistadt weiterhin als autonome Gemeinde. Bei einem Besuch wird schnell klar, dass ein Freiraum kein rechtsfreier Raum sein kann, sondern nur eine selbstverwaltete virtuelle oder materielle Sphäre, in der soziale Kontrollmechanismen anders gehandhabt werden, als im umgebenden Gebiet.

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Gesellschaftliche Gegentrends und anti-digitale Freiräume


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