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Radiokolleg
Benehmt euch! Kleiner Versuch über den Sittenverfall (1)
Die Proletarisierung der Politik
9. März 2026, 09:05
Wir leben in ruppigen und vulgären Zeiten: Der amerikanische Präsident zeigt einem Arbeiter den Mittelfinger, der bayrische CSU-Chef stopft sich auf social media Döner, Würste und Pizzastücke in den Mund. Auch im österreichischen Parlament wächst der Anteil an unflätigen Worten und wüsten Beschimpfungen exponentiell. Gar nicht zu reden von verbalen und physischen Attacken, die im Straßenverkehr und in der U-Bahn mittlerweile zum Alltag gehören. Und Rapper treiben mit ihren Schmähreden über Bitches und Schlampen den Beleidigungsfaktor in bislang unerreichte Höhen. Warum kam es zu einer derartigen Verrohung und einem flächendeckenden Sittenverfall? Was sagt dies über die Qualität von zeitgenössischer Politik und Öffentlichkeit aus? Und was kann man dagegen tun?
Vor ziemlich genau einem Jahr fand eine mittlerweile legendäre Pressekonferenz im Weißen Haus statt: Präsident Donald Trump und sein damaliger Berater Elon Musk traten im Oval Office auf und taten dies, das und jenes kund. Spannend waren aber nicht die Inhalte, sondern die Art und Weise der Performance. Musk, der auch seinen kleinen Sohn dabei hatte, trug legeren Freizeit-Look und redete wie ihm der Schnabel gewachsen war, brach immer wieder in unkontrolliertes Gelächter aus. Der Sohn machte derweil Unsinn. Über diese Kommunikations-Katastrophe der demokratischen Repräsentation, die einen allgemeingesellschaftlichen Trend symbolisiert, hat der Historiker Christopher Clark einen ganzen Essay geschrieben. Fazit: "Die Veranstaltung hatte etwas Obszönes. Vor den Kameras der Weltöffentlichkeit benahmen sich die beiden ´dudes` so, als ob sie sich im privaten Wohnzimmer befänden."
Wie es zu diesem Prole Drift, also einer gesellschaftlichen und politischen Bewegung hin zu einem proletarisch-vulgären Verhalten kommen konnte und welcher Strukturwandel der Öffentlichkeit ihm zugrunde liegt, untersucht der 1. Teil des Radiokollegs über den Sittenverfall.
Autoren: Thomas Miessgang, Christoph Winder
