Christoph Schlingensief

APA/BARBARA GINDL

Gedanken für den Tag

Hubert Gaisbauer über Christoph Schlingensief

"Das Leben ist schön". Der Publizist Hubert Gaisbauer über den erst fünfzigjährig verstorbenen Künstler, anlässlich dessen 10. Todestages

Im Tagebuch seiner Krebserkrankung und in vielen Interviews mit Christoph Schlingensief bricht oft eine wüste und zugleich unverwüstliche Frömmigkeit auf, vor allem, wenn er von Gott Rechenschaft für die Übel in der Welt fordert, nicht zuletzt für seine tödliche Krankheit. Der Unruhestifter und Zerstörer jeder selbstzufriedenen Idylle war sein Leben lang ein gläubiger Mensch samt heftigster Kirchenkritik.

Und ich frage mich: Wie verträgt sich diese provokante Zerstörungswut der Bilder in unseren Köpfen - auch der Gottesbilder - mit seiner oft erklärten Liebe zu "diesem Jesus" und zu Maria…? Und mir fällt das Buch "Der schwierige Jesus" ein. Der vor wenigen Wochen verstorbene Theologe Gottfried Bachl hat es geschrieben. Ich finde darin eine Beschreibung von Jesu, die ihn - fast möchte ich sagen - Schlingensief-ähnlich macht - oder Schlingensief Jesus-ähnlich: denn dieser Jesus, so heißt es da - "ist nicht einfach das liebe, heimatliche Gesicht, in dem das Allerlei der Welt sanft zusammengefasst wird. Stoß und Anstoß gehen von ihm aus, Heftigkeit, Streit, Unterscheidung, Verweigerung der Anpassung und Widerstand." Passt auch auf Christoph Schlingensief, denke ich…

Doch da ist jetzt die Krankheit, der Krebs. Einmal, nach einer Untersuchung, als er fürchtet, dass man auch im Kopf Metastasen gefunden hätte, da ist der Himmel leer und sein Verhältnis zu Gott und Jesus total zerrüttet, ja Scheiße, sagt er und spricht alles ziemlich unflätig ins Diktiergerät. Wenn dann die Wut verflogen war, lässt er Jesus wieder in seine Nähe und findet sogar ein Kompliment für ihn: Er, also Jesus - so Schlingensief - "der hat es geschafft, so viele Gedanken in Gang zu setzen, wie kein anderer Mensch. Er hat Leiden produktiv gemacht. Und das ist toll!"

Beim Abschiedsgottesdienst vor zehn Jahren, in der Herz Jesu Kirche in Oberhausen, wo Christoph getauft worden war, sagte der Jesuit Klaus Mertes: "Von Jesus reden heißt jedenfalls auch: von sich selber reden."

Service

Susanne Gaensheimer (Hg.), "Christoph Schlingensief, Deutscher Pavillon 2011", Katalog zu „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, Kiepenheuer & Witsch
Christoph Schlingensief, „So schön wie hier kanns im Himmel nicht sein. Tagebuch einer Krebserkrankung", Kiepenheuer & Witsch
Christoph Schlingensief / Aino Laberenz (Hg.), „Ich weiß, ich wars“, btb Taschenbuch

Film: schlingensief. in das schweigen hineinschreien

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Walter Braunfels/1882-1954
Album: WALTER BRAUNFELS: GROSSE MESSE
* 1. Kyrie : Adagio (00:07:52)
Titel: GROSSE MESSE op.37 für gemischten Chor, Solo-Quartett, Knabenchor, Orgel und großes Orchester (1923-1926) / 1.Teil
Leitung: Manfred Honeck
Orchester: Staatsorchester Stuttgart
Solist/Solistin: Simone Schneider /Sopran
Solist/Solistin: Gerhild Romberger /Alt
Solist/Solistin: Matthias Klink /Tenor
Solist/Solistin: Attila Jun /Baß
Solist/Solistin: Timo Handschuh /Orgel
Chor: Staatsopernchor Stuttgart
Choreinstudierung: Michael Alber
Chor: Knabenchor collegium iuvenum Stuttgart
Choreinstudierung: Friedemann Keck
Länge: 07:52 min
Label: DG 4810333 (2 CD)

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