Martin Lintner zum Welttierschutztag

Der katholische Priester und Professor für Moraltheologie in Brixen, Martin Lintner, gewann in der Kindheit Einsichten über Tierhaltung von seinem Kater

In meinen Kindheitserinnerungen tummeln sich viele Tiere: Kühe, Schweine, Ziegen, Schafe, Hühner und Katzen… Tiere, die es auf einem durchschnittlichen Südtiroler Bergbauernhof eben gibt. Besonders viel Zeit habe ich im Spiel mit den Katzen auf dem elterlichen Hof verbracht. Meine Geschwister haben mich deshalb gerne geneckt und als Katzennarr bezeichnet.

An eine Episode kann ich mich bis heute gut erinnern. Ich muss so um die fünf Jahre alt gewesen sein: Es war an einem heißen Nachmittag im Hochsommer. Wir Kinder hatten auf einer kleinen Wiese oberhalb des Hofes ein Zelt aufgestellt: ein altes Leinentuch, ein paar Äste … und schon war das Indianerzelt fertig. Wie ich so im Zelt lag und den Schatten genoss, dachte ich mir plötzlich, dass auch meine Katze - es war ein schöner getigerter Kater - in den Genuss eines eigenen Katzenzeltes kommen muss. Also stellte ich ein Minizelt auf, nach meinem Empfinden ideal angepasst an die Größe einer Katze. Ich schob die Katze in ihr Zelt und erwartete mir, dass sie behaglich darin liegen bleibt und den Schatten genießt. Aber dem war nicht so: Es war ihr wohl zu eng und wiederholt brach sie aus und lief davon. Ich fing sie wieder ein und trug sie wieder zu ihrem Zelt. Nach einigen Versuchen und Kratzern, die ich davongetragen habe, gab ich schließlich mein Unterfangen auf, etwas beleidigt auf die Katze, dass sie das Zelt, mit dem ich sie beglücken wollte, verschmäht hatte.

An diesen gescheiterten Versuch muss ich heute am internationalen Tierschutztag denken. Das Katzenzelt, das von der Katze selbst verschmäht wurde, ist wie ein Sinnbild dafür, wie wir mit den Tieren in unserer Gesellschaft oft umgehen. Wir berücksichtigen in den meisten Fällen nicht die Bedürfnisse der Tiere, sondern passen die Tiere unseren Bedürfnissen an. Die Bilder von Mastschweinen auf Spaltböden oder von Mutterschweinen in engen Kastenständen, aber auch von hochtechnologischen automatisierten Melkständen und von kleinen Kälbchen, die nach der Geburt von der Mutterkuh getrennt werden und in einer Kälberbox untergebracht werden, schließlich die Bilder von eng beladenen Tiertransporten usw. All diese Bilder zeigen, dass die Haltungsformen nicht den Bedürfnissen der Tiere angepasst werden, sondern umgekehrt die Tiere in jene Haltungssysteme hineingezwungen, die unseren ökonomischen Kriterien entsprechen. Dabei denke ich nicht nur an die Nutztierhaltung. Auch im Bereich der Haustierhaltung gibt es viele Defizite, auf die ich anlässlich des heutigen Welttierschutztages aufmerksam machen will. Ich denke beispielsweise an manche Formen der Rassenzucht, in der gewünschte züchterische Merkmale wichtiger sind als das Wohlbefinden oder die Gesundheit des Tieres.
Ob Nutztiere oder Haustiere: Ich bin davon überzeugt, dass jedes Tier ein Recht auf ein gutes tierliches Leben hat, dass seine grundlegenden Bedürfnisse so befriedigt werden, dass es keinen gesundheitlichen Schaden erleidet, dass ihm nicht Schmerzen zugefügt oder Angst bereitet wird. Einfach gesagt: dass es ihm gut geht und es sich wohl fühlt.
Meine Katze hat mich damals etwas gelehrt: Nicht sie musste sich richten nach meiner Vorstellung davon, was für sie angenehm sei, sondern - umgekehrt - ich musste respektieren, was für sie richtig und angenehm war. Meine Katze war mir eine wichtige Lehrmeisterin.

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Huber
Gesamttitel: Leib & Seel - BROADLAHN
Titel: Leib & Seel
Ausführende: BROADLAHN
Länge: 04:50 min
Label: BMG Ariola 74321169032

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