Paul Celan

ÖNB

Cornelius Hell über Paul Celan

"Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm". Der Literaturkritiker und Übersetzer Cornelius Hell anlässlich des 100. Geburtstages von Paul Celan

"Leg den Riegel vor: Es
sind Rosen im Haus.
Es sind
sieben Rosen im Haus.
Es ist
der Siebenleuchter im Haus.
Unser
Kind
weiß es und schläft."

So beginnt das Gedicht "Wolfsbohne" von Paul Celan. Er hat es 1959 in Paris geschrieben, sein Sohn Eric war damals vier Jahre alt. Der Siebenleuchter markiert Celans jüdische Wurzeln, die in Czernowitz grundgelegt sind, wo er heute vor 100 Jahren geboren wurde. Gerichtet ist das Gedicht an die Mutter, an die die zweite Strophe schmerzlich erinnert:

"Weit, in Michailowka, in
der Ukraine, wo
sie mir Vater und Mutter erschlugen: was
blühte dort, was
blüht dort? Welche
Blume, Mutter,
tat dir dort weh
mit ihrem Namen?
Mutter, dir,
die du Wolfsbohne sagtest, nicht:
Lupine."

Mit dem Wort "Wolfsbohne" erinnert sich Celan an seine Mutter, die im Winter 1942/43 im Lager Michailowka wegen "Arbeitsunfähigkeit" erschossen wurde; der Vater war da schon gestorben - entweder an Typhus oder ebenfalls durch eine Erschießung. Das Wort "Wolfsbohne" führt im Dialog mit der ermordeten Mutter noch in einen anderen Zusammenhang:

"Du, die du Wolfsbohne sagtest.
Sie, die die Wolfsschanze bauten. - Wer
lebt?"

Die Wolfsschanze in Ostpreußen war ein Bunkersystem, eines der Führer-Hauptquartiere. Paul Celan formuliert in diesem Gedicht sein Lebenstrauma: dass die Täter noch leben; dass er immer wieder mit ehemaligen Nazis konfrontiert ist. Die Mutter hingegen lebt nur mehr in seinem Gedicht - ein Gedicht, wie Celan hier formuliert, das

"ich geschrieben hab, um
deinetwillen, um
deines
Gottes
willen.
Gelobt, sprachst du, sei
der Ewige und
gepriesen, drei-
mal
Amen."

Mit dem Gedicht ist Paul Celan bei seiner Mutter. Und mit dem Gebet, das sie sprach. Es ist ihr Gebet, nicht seines. Doch ein Stück weit leuchtet die jüdische Religion auch noch in seine Pariser Wohnung, wenn er das Gedicht "Wolfsbohne" enden lässt, wie es begonnen hat:

"Leg den Riegel vor: Es
sind Rosen im Haus.
Es sind
sieben Rosen im Haus.
Es ist
der Siebenleuchter im Haus.
Unser
Kind
weiß es und schläft."

Service

Paul Celan, "Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe", Suhrkamp Verlag
Paul Celan, "etwas ganz und gar Persönliches. Briefe 1934-1970", Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann, Suhrkamp Verlag
Thomas Sparr, "Todesfuge. Biographie eines Gedichts", Deutsche Verlags-Anstalt
Wolfgang Emmerich, "Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen", Wallstein Verlag
Hans-Peter Kunisch, "Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung", Deutscher Taschenbuch-Verlag
Michael Eskin, "Schwerer werden. Leichter sein. Gespräche um Paul Celan. Mit Durs Grünbein, Gerhard Falkner, Aris Fioretos und Ulrike Draesner", Wallstein Verlag
Klaus Reichert, "Erinnerungen und Briefe. Paul Celan", Suhrkamp Verlag
Jan-Heiner Tück, "Gelobt seist du, Niemand. Paul Celans Dichtung - eine theologische Provokation", Herder Verlag
Irene Fußl, "Geschenke an Aufmerksame. Hebräische Intertextualität und mystische Weltauffassung in der Lyrik Paul Celans", Verlag de Gruyter


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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Erik Satie/1866 - 1925
Album: Satie : Vol.3 - Frühe Klavierstücke
Titel: Danse de travers Nr.1 (tw. 2x gespielt)
Gesamttitel: Pieces froides für Klavier Nr.2 - Trois danses de travers
Solist/Solistin: Reinbert de Leeuw /Klavier
Länge: 01:41 min
Label: Philips 420473-2

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