Lampionblume im Spiegel, Goldrand

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Radiokolleg

Radiokolleg - Ritzen, schneiden, schlagen

Warum verletzen wir uns selbst? (1) Gestaltung: Daphne Hruby

Ein 12-jähriges Mädchen. Die Innenseiten ihrer Oberschenkel sind übersät mit roten Schnittwunden. Blasse Hautstellen zeugen von früheren Griffen zur Rasierklinge - ganz oben, so dass es keiner sieht. Ein 15-jähriger Bursche. Auf seinem linken Unterarm klafft eine ovale Wunde. In der Hand hält er ein Feuerzeug, es ist noch warm. Eine 50-jährige Frau. Sie trägt eine Mütze. Niemand soll die kahlen Stellen auf ihrem Kopf sehen. Zu Hause reißt sie sich die Haare aus, sie kann irgendwie nicht anders.

Menschen, die sich geißeln oder ans Kreuz nageln lassen, die sich Nadeln durch den Körper stechen oder über brennend heiße Kohlen laufen, die sich regelmäßig unters plastisch-chirurgische Messer legen.
Hijras - eine Gruppe, die sich selbst als drittes Geschlecht definiert und auch als solches in mehreren südasiatischen Ländern anerkannt ist - lassen sich ihren Penis rituell amputieren. Selbstverletzendes Verhalten kann auch religiös oder kulturell tradiert, oder einem bestimmten Schönheitsideal geschuldet sein. Was diesbezüglich als normal und was als abweichend gilt, ist eine Frage der zeitlichen wie gesellschaftlichen Perspektive.

Selbstverletzendes Verhalten wird als freiwillige und direkte Zerstörung des Körpergewebes ohne suizidale Absicht definiert, und kennt mannigfaltige Ausprägungen und Ursachen. Betroffene versuchen damit, Kontrolle über ihre negativen Gedanken und Gefühle zu bekommen - sie übertünchen psychischen mit physischem Schmerz. In den sogenannten sozialen Medien zirkulieren Videos über Mutproben und Selbstverletzungen. Jugendliche feuern sich hier teils gegenseitig dazu an. Unterdessen steigt in Zeiten sozialer Isolation und Distanz die Zahl an psychischen Erkrankungen.

Auch das Verhalten im Profisport grenzt heutzutage an Selbstverletzung. In einigen Disziplinen folgt auf eine vielversprechende Karriere nicht selten der körperliche wie psychische Zusammenbruch. Eine großangelegte Studie des amerikanischen Arztes Bob Goldman ergab, dass 50 Prozent aller Hochleistungssportler für den Gewinn einer olympischen Goldmedaille bereit gewesen wären, Mittel einzunehmen, die sie innerhalb von fünf Jahren getötet hätten. Die Untersuchung fand in den 1990er Jahren statt - seither hat sich der Druck auf die Spitzenathleten weiter erhöht. Selbstverletzendes Verhalten im Profisport ist ein Tabuthema, zugleich wird es aber auch glorifiziert.

Die Grenze zwischen Genuss und Schädigung ist nicht immer klar zu ziehen. Gilt Rauchen etwa als Vergnügen oder Selbstverletzung?
Auch in der Kunst ist Selbstverletzung allgegenwärtig - und gilt als Ausdrucksmittel für politische wie gesellschaftliche Botschaften. Die Wiener Aktionisten - die sich übrigens vor genau 50 Jahren auflösten - waren Meister darin.
Woher kommt der Drang zur Selbstverletzung?

Service

PUBLIKATIONSLISTE:

"Suizidales Verhalten und nichtsuizidale Selbstverletzungen" von Paul Plener. Erschienen 2014 im "Springer Verlag".

"Nonsuicidal Self-Injury in Adolescents" von Paul Plener

"Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Online in Zeiten der Corona-Krise" von Brigitte Sindelar. Erschienen 2020 in: "Die Psyche in Zeiten der Corona-Krise. Herausforderungen und Lösungsansätze für Psychotherapeuten und soziale Helfer" von R. Bering, & C. Eichenberg (Hrsg.) im "Klett-Cotta-Verlag".

"Überlegungen zur leitenden Fiktion selbstverletzender Verhaltensweisen in Religion, Gesellschaft und Psychopathologie" von Brigitte Sindelar und Clemens Karpf. Erschienen in der "Zeitschrift für freie psychoanalytische Forschung und Individualpsychologie" Nr. 2 (2015): "Aggression und Aggressionstrieb".

"Spiritualität und Körper" von Birgitt Heller und Karl-Heinz Steinmetz (Hg.). Erschienen 2018 im Jahresheft der "Praxis Palliative Care" Ausgabe 10.

"Alkoholkrankheit - bewährte und neue Behandlungsmöglichkeiten" von Michael Musalek, Roland Mader und Oliver Scheibenbogen

"Wiener Aktionismus. Kunst und Aufbruch im Wien der 1960er-Jahre" Herausgegeben von: Eva Badura-Triska, Hubert Klocker und dem Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Erschienen 2012 im "Verlag der Buchhandlung Walther König".

"Death in the locker room. Steroids, Cocaine & Sports" von Bob Goldman, Patricia J. Bush und Ronald Klatz. Erschienen 1984 in "Icarus Press" ISBN 0-89651-155-3.


ANLAUFSTELLEN:

Psychosoziale Dienste

Sozialpsychiatrischer Notdienst des PSD: Tel. 01/313 30 (rund um die Uhr)

Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Währingergürtel 18-20 1090 Wien Tel.: +43 (0)1 40400 - 30120 Fax: +43 (0)1 40400 - 27930 E-Mail: kjp@meduniwien.ac.at

Kriseninterventionszentrum Wien: Tel.: 01 / 406 95 95, Lazarettgasse 14A, 1090 Wien

Rat auf Draht: Tel. 147 (rund um die Uhr)

FEM Süd - Frauengesundheitszentrum SMZ Süd, Kaiser Franz Josef Spital 10., Kundratstraße 3 Tel. 01/601 91

MEN - Männergesundheitszentrum Jugendberatung SMZ Süd, Kaiser Franz Josef Spital 10., Kundratstraße 3 Tel. 01/601 91-5454

Online Selbsthilfegruppe "Rote Tränen"


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