Thomas Bernhard

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Gedanken für den Tag

Hubert Gaisbauer über Thomas Bernhard

"Zwei Minuten Finsternis" - Thomas Bernhard. Zum neunzigsten Geburtstag. Ein Nachdenken. Ja, man darf Thomas Bernhard lieben, meint Kulturpublizist Hubert Gaisbauer

Das Umschlagbild einer Nummer der Literaturzeitschrift "Wort in der Zeit" aus dem Jahr 1965 zeigt eine Collage aus zehn Autoren-Fotos. Artmann, Mayröcker, Okopenko, damals die Avantgarde der österreichischen Literatur. Darunter der 34-jährige Thomas Bernhard. Und von ihm findet sich in der Zeitschrift der Text "Selbstportrait eines Dichters". Er beschreibt einen jungen, schwarz angezogenen Dichter "als überschaute er alles von einem Hochstand der Finsternis aus, an die allein er sich im Laufe seiner Entwicklung gewöhnt hatte." Hochstand der Finsternis.

Die Faszination Finsternis erklärt Thomas Bernhard mit der Vorstellung, dass alles, was sich in seinen Büchern ereignet, sich auf einer Bühne abspielt, und der Bühnenraum ist total finster. "Denn", sagt Bernhard: "In der Finsternis wird alles deutlich. …es ist auch mit der Sprache so. Man muss sich die Seiten in den Büchern vollkommen finster vorstellen: Das Wort leuchtet auf, dadurch bekommt es eine Deutlichkeit, eine Überdeutlichkeit."

Finsternis ist die Erleuchtung, sie klärt die Gedanken. Sollte sich jetzt ein Satz aus dem Johannesprolog einstellen, soll man ihn nicht auslöschen: "Und das Licht leuchtet in der Finsternis…"

In dem frühen Drama "Ein Fest für Boris" sinnieren beinlose Menschen in ihren Rollstühlen bei einem Geburtstagsessen über ihre Welt, über die bald die Finsternis kommen werde und mit ihr "helle, große Köpfe in der Finsternis - ihr müsst euch vorstellen: helle, große Köpfe in der Finsternis".

An Liebesgeschichten ist das Werk Thomas Bernhards arm. In dem schmalen Bändchen "Ereignisse" aus dem Jahr 1969 finde ich eine, sie ist nur achtundzwanzig schmale Zeilen lang. Da hastet in Eiseskälte ein junges Liebespaar über die Stufen eines fensterlosen Turms hinauf in die, wie es heißt, Vorstufe der Finsternis und fällt sich dort, ganz oben, nackt in die Arme.

Service

"Der Ignorant und der Wahnsinnige" und "Ein Fest für Boris" in: Thomas Bernhard, "Stücke I", Suhrkamp Verlag
Thomas Bernhard (Hg.), "Christine Lavant. Gedichte", Bibliothek Suhrkamp
Thomas Bernhard, "Ereignisse", Suhrkamp Taschenbuch
Thomas Bernhard, "Heldenplatz", Verlag Suhrkamp
Thomas Bernhard, "Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft", Verlag Suhrkamp
Thomas Bernhard, "Holzfällen. Eine Erregung", Verlag Suhrkamp
Thomas Bernhard, "Auslöschung. Ein Zerfall", Verlag Suhrkamp
Thomas Bernhard, "Gesammelte Gedichte", Verlag Suhrkamp

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Titel: Französische Suite für Klavier Nr.1 in d-moll BWV 812
* Menuet II - 5.Satz (00:02:28)
Solist/Solistin: Glenn Gould /Klavier
Länge: 02:28 min
Label: CBS MK42267

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