Uhren in einem Wald. Eine Installation von Klaus Rinke.

AFP/INA FASSBENDER

Punkt eins

40 Tage Lockdown extrem

Isolation und die innere Uhr oder: was uns Zeit gibt und wie wir sie empfinden.
Gast: Univ.-Prof. Dr. Kristin Teßmar-Raible, Neurobiologin, Chronobiologin, Professorin am Department für Mikrobiologie, Immunbiologie und Genetik an den Max F. Perutz Laboratories der Universität Wien und der MedUni Wien.
Moderation: Barbara Zeithammer.
Anrufe kostenlos aus ganz Österreich unter 0800 22 69 79
E-Mails an punkteins(at)orf.at

Was passiert, wenn es keine Zeitgeber mehr gibt? Wenn man keine Uhr zur Verfügung hat, kein Internet, keinerlei Zeitinformation - ja nicht einmal Sonne und Mond, um den Wechsel von Tagen wahrzunehmen?

Wo normalerweise Touristinnen und Touristen auf den Eintritt in eine der größten Höhlen Europas warten, versammelten sich Sonntagabend Journalisten und Medienvertreterinnen um eine Gruppe von 15 Menschen. Die Frauen und Männer werden 40 Tage in der Höhle von Lombrives im Südwesten Frankreichs leben, bei 12 Grad Celsius und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit, mit vier Tonnen Lebensmittel und anderem Material ausgestattet - aber ohne jeglichen Zeitgeber. "Deep Time" nennt sich das Forschungsprojekt, das vom Corona-Lockdown inspiriert wurde und von der Tatsache, dass weltweit viele Menschen dadurch aus dem Takt gerieten.

Das "Ende der Pandemie" wird derweil von Politikerinnen und Politikern immer weiter nach hinten verschoben. Manche Menschen empfinden ihr Leben in einer Art Warteposition, andere verlieren das Zeitgefühl durch Stress und mannigfaltige Anforderungen. Jede und jeder hat die Erfahrung gemacht, dass die Zeit manchmal rennt oder verfliegt, sich zieht oder still steht - das zeigt, dass vor allem Gefühle die Zeitwahrnehmung bestimmen. Das Gefühl für die Zeit wiederum - die "innere Uhr" - wurde in den 1960er Jahren "entdeckt", in den berühmten Andechser Bunkerexperimenten: von 1964 bis 1989 lebten insgesamt gut 400 Versuchspersonen mehrere Wochen in dem unterirdischen Labor ohne jegliche Zeitgeber. Für die Entdeckung der molekularen Prinzipien der "biologischen Uhr" wurden 2017 drei US-amerikanische Forscher mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet.

Den Rhythmen des Lebens ist auch die Neurobiologin und Universitätsprofessorin für Chronobiologie Kristin Teßmar-Raible auf der Spur. Die mehrfach preisgekrönte Forscherin spricht von einem "inneren Kalender", der verschiedene Takte und Perioden kennt, und untersucht beispielsweise an "mondsüchtigen" Borstenwürmern im Keller der Max F. Perutz Laboratories der Universität Wien das molekulare und zelluläre Uhrwerk.

Über das Zeitgefühl - nicht nur in der Pandemie - und die Zeitgeber, über die Takte des Lebens und die Stellrädchen der "inneren Uhr" spricht Kristin Teßmar-Raible als Gast von Barbara Zeithammer. Die Hörer*innen von Punkt eins sind wie immer herzlich eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen: unter 0800 22 69 79 live während der Sendung und kostenlos aus ganz Österreich oder schriftlich an punkteins(at)orf.at

Sendereihe

Playlist

Urheber/Urheberin: Ernst Reijseger
Titel:

Cave of forgotten dreams
Ausführender/Ausführende: Ernst Reijseger
Länge: 01:51 min
Label: Winter & Winter

Urheber/Urheberin: Herman Hupfeld
Titel: As Time Goes By
Ausführender/Ausführende: Jimmy Durante
Länge: 02:24 min
Label: Blue Note

Urheber/Urheberin: Steve Reich
Titel: Drumming
Ausführender/Ausführende: Steve Reich & Musicians
Länge: 02:11 min
Label: RCA

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