Ärmchen eines Frühgeborenen in einer Erwachsenenhand

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Radiokolleg - Hautnah

Warum Berührungen wichtig sind (2). Gestaltung: Madeleine Amberger

Frühchen, die vor dem Ablauf der 37.Schwangerschaftswoche geboren werden, haben einen schwierigen Start ins Leben. Sie wiegen höchstens 2.5 Kilogramm. Je früher sie zur Welt kommen, desto mehr Nachentwicklung brauchen etwa die Lunge, das zentrale Nerven- sowie das Immunsystem. In technologisch gut ausgestatteten Spitälern holen sie die fehlenden Wochen im Mutterleib in einem Brutkasten nach. In Entwicklungs- und Schwellenländern gibt es jedoch nicht genug Inkubatoren.

In den 1970er-Jahren entwickelten kolumbianische Ärzte aus der Not - sie sahen sich wegen akutem Platzmangel gezwungen, Mütter mit frühgeborenen Babys nach Hause zu schicken - die so genannte Känguru-Methode. Dabei tragen die Mütter ihr Frühchen auf der nackten Haut. Diese Methode machte weltweit Schule. Der ständige Hautkontakt erhöht die Überlebenschancen, macht die Säuglinge weniger anfällig für Infektions- und Atemwegserkrankungen und fördert die Hirnentwicklung. Ein britisch-kanadisches Forscherteam wies kürzlich nach, dass Kinder etwa den Stich mit einer Injektionsnadel weniger schmerzhaft empfinden, wenn sie dabei mit einem Elternteil Hautkontakt hatten.

Der Tastsinn entwickelt sich schon im Mutterleib. Er ist als Erster aller unserer Sinne voll funktionsfähig. Er ist auch der letzte, der am Ende des Lebens verschwindet. Daher kommt dem Faktor Berührung bei der Betreuung alter Menschen in Pflegeheimen besondere Bedeutung zu. Er ist fixer Bestandteil der Ausbildung in Pflegeberufen. Bei Patienten und Patientinnen, die an Demenz leiden, sind Berührungen häufig die einzige Art von sozialem Kontakt, den die Betroffenen noch wahrnehmen können.

Durch die Covid-19-Pandemie ist Körperkontakt erheblich eingeschränkt. Von der Umarmung bis zum Händeschütteln. Je sozial isolierter ein Mensch ist, desto eher könnte die körperliche Distanz über einen längeren Zeitraum zu Erkrankungen führen. Auch die Empfehlung, dass man das eigene Gesicht nicht berühren soll, geht gegen die menschliche Natur. Wir berühren unser Gesicht unbewusst zwischen 400 und 800-mal pro Tag. Die Analyse von Hirnaktivität zeigte, dass die spontane Selbstberührung im Gesicht den eigenen emotionalen Zustand stabilisiert.

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Gestaltung

  • Madeleine Amberger