Frauenhand über Tarotkarten

AP/CHERYL GERBER

Radiokolleg

Radiokolleg - Tarot

Karten mit vielen Gesichtern (1). Gestaltung: Julia Grillmayr

Tarock-Kartenspiele, etwa das sogenannte Königrufen, gibt es bereits seit dem 15. Jahrhundert. Entstanden in Italien, erfreuten sie sich schnell in weiten Teilen Europa großer Beliebtheit. Etwa 300 Jahre später, im späten 18. Jahrhundert, erlangen die bildprächtigen Karten in anderen Gefilden Bedeutung: Diverse okkulte und esoterische Bewegungen schreiben ihnen uraltes Geheimwissen zu und bringen sie mit ägyptischen Hieroglyphen oder der Kabbala in Verbindung. Über das Legen und Lesen der Karten - nun als Tarot bezeichnet - sollen tiefe Einsichten über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erlangt werden können.

Nach wie vor werden Tarot-Karten in dieser Weise konsultiert. In anderer Hinsicht kommen sie aber auch als Unterstützung von Introspektion und Meditation zum Einsatz oder werden als Basis für Gespräche oder für Geschichtenerzählen benutzt. Auch zahlreiche Künstler_innen, etwa Salvador Dalí, Niki de Saint Phalle und die Surrealisten, ließen sich von der Bildsprache des Tarot inspirieren und entwarfen eigene Kartendecks. Neben zahlreichen Filmen, in denen die mysteriösen Karten in Szene gesetzt werden, ist das Tarot auch in Musik und Literatur anzutreffen, wo es sowohl Motiv als auch Ordnungsprinzip sein kann.

Ein ganzes Album der Ton Steine Scherben entstand durch das Ziehen und gemeinsame Interpretieren einzelner Tarot-Karten. Science Fiction-Autor_innen wie Samuel R. Delany und Emma Bull transferieren das Tarot in die Zukunft. Literatur-Kollektive wie OuLiPo bedienten sich den Karten, um spielerisch Zufälle in ihr Schreiben zu bringen. Italo Calvino bezeichnete das Tarot gar als ein "Maschine zur Komposition für Literatur", sein Roman Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen (1973) wird anhand der Tarot-Symboliken erzählt.
Man spricht allgemein von einem gewissen Trend zu diversen ‚magischen' Praktiken, bei dem Tarot ebenfalls eine Rolle spielt.

Darüber hinaus ist es aber nach wie vor die Bildsprache und das Spielsystem, das auch die aktuelle Popkultur inspiriert. Die klassischen Kartendecks von Crowley oder Rider/Waite werden hundertfach neu interpretiert. Es gibt feministische und anti-rassistische Tarots. Es gibt Decks, die Könige und Damen gegen Science Fiction- und -Fantasy-Figuren getauscht haben oder sich bestimmten Tieren widmen. Mit einer Einbettung in die Kulturgeschichte und anhand von zahlreichen aktuellen Beispielen, gibt das Radiokolleg "Tarot - Karten mit vielen Gesichtern" einen Einblick in dieses facettenreiche Phänomen.

Service

Lektüre:
Elizabeth Foley O'Connor: Pamela Colman Smith: Artist, Feminist, and Mystic, 2021
Paul Huson: Mystical Origins of the Tarot. From Ancient Roots to Modern Usage, 2004
Italo Calvino: Das Schloß, darin sich Schicksale kreuzen Il castello dei destini incrociati: Erzählungen, 1973
Samuel R. Delany: Nova, 1968 (Science Fiction-Roman, der das Tarot 1000 Jahre in die Zukunft versetzt)
Emma Bull: Bone Dance, 1991 (Science Fiction-Roman, der vor jedes Kapitel eine Tarot-Karte als Lektürehinweis setzt)
K.D. Edwards: The Tarot Sequence Series, 2018-fortlaufend (Fantasy-Geschichten mit Tarot-Charakteren als Protagonist_innen)


Kartenberatung Petrina Polt
Schrifstellerin Elisabeth Klar
Religionswissenschafter und Esoterikforscher Johannes Endler
Elizabeth Foley O'Connor, Autorin von "Pamela Colman Smith: Artist, Feminist & Mystic"
Felix Kawitzky, Gestalter des "Tarot of Many Doors"
Helen Emily Davy, Gestalterin des "Oracle for the Chthulucene"
The Modern Witch Tarot
The Gentle Tarot
The Fountain Tarot
The Wild Unknown Tarot
The Tarot of Many Doors


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