Flaggen von Bosnien und Herzegovina

AFP/ELVIS BARUKCIC

Punkt eins

Bosnien: die Angst um den Zusammenhalt

Bedroht serbische Abspaltungsrhetorik Bosnien-Herzegowinas Existenz?
Gast: Dr.in Armina Galijas, Assistenzprofessorin für Zeitgeschichte am Zentrum für Südosteuropastudien der Universität Graz.
Moderation: Xaver Forthuber.
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Nach Ende des grausamen Krieges mit mehr als 100.000 Toten vor 26 Jahren fixierte das Friedensabkommen von Dayton den Staat Bosnien und Herzegowina in seinen heutigen Grenzen. Rund 3,8 Millionen Menschen leben seither in einer Föderation zusammen, die eine politische Balance zwischen den dominierenden Volksgruppen der Bosniak:innen, Serb:innen und Kroat:innen herzustellen versucht. Die politische Organisation des Landes wird von außen als extrem kompliziert beschrieben und innenpolitisch als lähmend wahrgenommen. Eine EUFOR-Mission überwacht weiterhin die Sicherheit, und ein wesentlicher Teil der Verwaltung wird durch den Hohen Repräsentanten der internationalen Gemeinschaft ausgeübt; derzeit ist das der Deutsche Christian Schmidt.

Schmidt war es, der Ende Oktober einen alarmierenden Bericht an den Weltsicherheitsrat abgab: Bosnien-Herzegowina sei "mit seiner schwersten existenziellen Bedrohung der Nachkriegsperiode konfrontiert", heißt es darin. Grund dafür ist die immer aggressivere Abspaltungsrhetorik des serbischen Mitglieds im Staatspräsidium, Milorad Dodik. Er droht mit einer Abspaltung des bosnisch-serbischen Landesteils Republika Srpska und will unter anderem eine eigene Armee schaffen. Internationale Beobachter:innen warnten umgehend vor einer möglichen Eskalation bis hin zu einem Zerfall des Staates, neuerlicher Kriegsgefahr und einer Destabilisierung der ganzen Region.

Eine konsensuale Erzählung über die Zeit des Krieges und die nachfolgende Transformation hat sich in Politik und Gesellschaft Bosnien-Herzegowinas nie eingestellt; stattdessen würden Politiker:innen weiterhin "ethnozentristische und nationalistische Propaganda" in den jeweiligen Volksgruppen verbreiten, schrieb die Zeithistorikerin Armina Galijas 2020 in einem Zeitschriftenartikel. Der Alltag sei dagegen weitgehend von problemlosen Kontakten zwischen den Ethnien geprägt.

Weite Teile des Landes kämpfen allerdings mit Abwanderung; viele Menschen zieht es vor allem in Richtung der EU, die die Hoffnung auf einen baldigen Beitritt des Landes immer weniger glaubwürdig vermitteln kann. Während die EU-Kommission wieder einmal nur zögerlich auf den Konflikt reagierte, traf sich Ungarns Premier Viktor Orbán letzte Woche demonstrativ mit Dodik in Banja Luka. Und Russland, das den Hohen Repräsentanten nicht wirklich anerkennt, unterstützt schon seit Längerem separatistische Bestrebungen gegen das "westliche" Staatskonstrukt.

Armina Galijas wurde in Banja Luka geboren, promovierte über die Geschichte der Stadt im Krieg und forscht unter anderem über ethnische Konflikte, Kultur- und Sozialgeschichte sowie das Alltagsleben im ehemaligen Jugoslawien. Mit Xaver Forthuber und unseren Hörer:innen spricht sie über die schwelende Krise und ihr mögliches neuerliches Aufbrechen in Bosnien-Herzegowina.

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Sendereihe

Playlist

Urheber/Urheberin: Bugge Wesseltoft & Henning Kraggerud
Titel: Til Ungdommen
Ausführender/Ausführende:

Bugge Wesseltoft & Henning Kraggerud
Länge: 03:43 min
Label: ACT

Urheber/Urheberin: Bugge Wesseltoft & Henning Kraggerud
Titel: La Folia (Improvisation)
Ausführender/Ausführende:
Bugge Wesseltoft & Henning Kraggerud
Länge: 02:38 min
Label: ACT

Urheber/Urheberin: Bugge Wesseltoft & Henning Kraggerud
Titel: Gjendines Bådnlåt
Ausführender/Ausführende:
Bugge Wesseltoft & Henning Kraggerud
Länge: 04:20 min
Label: ACT

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