Umberto Eco

AFP/FRANCOIS GUILLOT

Gedanken für den Tag

Eco über Freunde und Feinde

Im Wald der Fiktionen - Umberto Eco zum 90. Geburtstag von Brigitte Schwens-Harrant, Literaturkritikerin, Buchautorin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung "Die Furche".

"Wie uns auch die weltlichsten unter den Humanwissenschaften lehren, ist es der andere, der Blick des anderen, der uns definiert und formt.

Ohne den Blick und die Antwort des anderen können wir nicht begreifen, wer wir sind …. Selbst wer andere tötet, vergewaltigt, beraubt, verletzt, tut das nur in Momenten der Ausnahme, und den Rest seines Lebens verbringt er damit, von seinesgleichen Anerkennung, Liebe, Achtung und Lob zu erbetteln."

Dies schreibt Umberto Eco in seinem 1996 veröffentlichten Briefwechsel mit dem Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini, der unter dem Titel "Woran glaubt, wer nicht glaubt?" als Buch erschienen ist.

"Die ethische Dimension beginnt, wenn der andere ins Spiel kommt."

Nun zeigt leider der Blick in die Geschichte, dass der andere oft als nicht gleichwertig gesehen wird. Man reduziert den Respekt "auf die Angehörigen des eigenen Stammes oder Volkes", bezeichnet etwa die anderen als "Barbaren", an die man nicht die Maßstäbe wie an den zu liebenden Mitmenschen legen muss, man erlaubt sich damit, sie zu erniedrigen, auszubeuten, ja sogar zu massakrieren.

"Die Anerkennung der Rolle der anderen, die Notwendigkeit, bei den anderen jene Ansprüche zu respektieren, die wir als unverzichtbar für uns selbst erachten, ist das Ergebnis eines jahrtausendelangen Lernprozesses."

Zudem ist leider, auch das zeigt der Blick in die Geschichte, dem Menschen das Bedürfnis angeboren, sich einen Feind zu fabrizieren. Ein Feindbild hilft, so Eco, die eigene Identität zu definieren, und es baut ein Hindernis auf, "an dem man das eigene Wertesystem demonstrieren und durch dessen Bekämpfung man den eigenen Wert beweisen kann."

"Ist also die Ethik machtlos gegenüber unserem angeborenen Bedürfnis nach Feinden?", fragt Eco und versucht eine Antwort: "Ich würde sagen, das Ethische obsiegt nicht dann, wenn man so tut, als gebe es keine Feinde, sondern wenn man versucht, sie zu verstehen, sich in ihre Lage zu versetzen."

Eco weiß natürlich um die Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit angesichts der "tiefsten Triebe" des Menschen – aber man wird als Dichter ja noch träumen dürfen: "Den anderen zu verstehen versuchen heißt: das Klischeebild von ihm zerstören, ohne sein Anderssein zu leugnen oder beiseite zu wischen."

Service

Literatur:
Umberto Eco, Carlo Maria Martini, Woran glaubt, wer nicht glaubt? Zsolnay 1998
Umberto Eco, Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften, Hanser, 2021

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Theo Mackeben
Komponist/Komponistin: Hans-Fritz Beckmann
Album: LA MISTERIOSA MUSICA DELLA REGINA LOANA
Titel: Bel ami/instr. / a.d.gln.Film
Solist/Solistin: Gianluigi Trovesi
Solist/Solistin: Gianni Coscia
Länge: 03:02 min
Label: ECM Records 2652 / 7738787

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