Musikverein

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Zeit-Ton

Bühne frei, Vorhang auf!

Das Ensemble Kontrapunkte schnupperte im Musikverein Theaterluft mit Novitäten und Klassikern der Gegenwart

Kindheitserinnerungen mit Träumen vom Heldentum oder der Faszination für Straßentheater, spielerisch-ironische Reaktionen auf die Welt, die Freude am Absurden, ein Pasticcio durch Zeiten und Stile mit geheimem Hintersinn, eine erste, unbeholfene Liebeserklärung: Auf realen und imaginierten Bühnen tummeln sich die musikalischen Charaktere, die der Bariton Georg Klimbacher und das Ensemble Kontrapunkte unter Gottfried Rabl am 13. Dezember 2021 im Musikverein lebendig gemacht haben - nach Noten von George Rochberg, György Ligeti, Unsuk Chin, Thomas Adès und Benedikt Alphart.

In George Rochbergs dreisätziger - Pardon, laut Partitur: dreiaktiger - "Music for the Magic Theatre" sind Zitate von Mozart, Beethoven, Mahler, Webern, Varèse, Stockhausen, Miles Davis und Rochbergs selbst durch ein dreitönig absteigendes Motiv geheimnisvoll verknüpft: fast, als würde man einem musikalischen Charakter durch seine Auftritte in verschiedenen Stücken folgen. Eine konkrete Bühnenfigur, nämlich der Chef der "Geheimen Politischen Polizei" aus György Ligetis Anti-Anti-Oper "Le Grand Macabre", steht in seinen "Mysteries of the Macabre" im Zentrum - eine herrlich absurde, mit aberwitziger Tonakrobatik und instrumentalen Gags gewürzte Auskopplung von drei Koloraturarien, die mit Sopran oder Trompete in der Solopartie ein quecksilbriges Vergnügen bedeuten. Thomas Adès jongliert in "Living Toys" (noch vor dem Beginn erfolgreichen Animationsfilmreihe "Toy Story"!) u.a. mit Engeln, Stieren und dem berüchtigten Computer H.A.L. (aus Stanley Kubricks "2001"). Unsuk Chin hingegen fühlte sich 2008/09 auf einer Reise nach Hongkong und Guangzhou zwischen alten, heruntergekommenen Wohnvierteln und ultramoderner Großstadt plötzlich in ihre Kindheit im Seoul der 1960er zurückgeworfen, in eine von Armut und Militärdiktatur geprägte Welt, in der aber auch Straßentheater seinen eigenen Zauber entfalten konnte. Im aus dem Althochdeutschen abgeleiteten Titel "Gougalon" steckt das moderne Wort Gaukelei.

Hinzu kommt eine Uraufführung des Österreichers Benedikt Alphart, Jahrgang 1998: "Die Fähre" basiert auf der ersten publizierten Erzählung der damals 20-jährigen Ingeborg Bachmann - eine rätselhafte Geschichte über ein altes Herrenhaus am Fluss, einen jungen Fährmann, ein Mädchen und erwachendes Begehren.

Gestaltung: Walter Weidringer

Sendereihe