Covid-19-Patient im künstlichen Koma auf einer Intensivstation, Krankenschwester, Bewegungsunschärfe

APA/DPA/MARIJAN MURAT

Radiodoktor - Medizin und Gesundheit

Bewusstlos - Von der Narkose bis zum Wachkoma

Während der Pandemie bekam man über die Medien auch einen kleinen Einblick in die Arbeit auf den Intensivstationen des Landes. Und oft war davon die Rede, dass Corona-Patienten in einen "künstlichen Tiefschlaf" versetzt und beatmet wurden. Dieser bewusst herbeigeführte Zustand galt vor zwei Jahrzehnten noch als Synonym für eine erfolgversprechende, intensivmedizinische Therapie.

Schattenseiten des "heilsamen Schlafes"

Streng genommen handelt es sich dabei weder um einen Tiefschlaf noch um ein künstliches Koma, sondern um eine Sedoanalgesie, also eine Dämpfung des Nervensystems, bzw. eine Langzeitnarkose, die man nach Unfällen oder akut lebensbedrohlichen Erkrankungen einleitet. Die Vorstellung, dass die artifizielle Bewusstlosigkeit Schmerzen ersparen und den Heilungsprozess vorantreiben kann, wurde in den vergangenen Jahren jedoch revidiert.
Mittlerweile ist man bemüht, Patienten, bei denen dies möglich ist, tunlichst bei Bewusstsein zu halten. "Ein wacher Patient ist auch auf der Intensivstation besser zu behandeln", räumt die Anästhesistin Eva Schaden mit dem Mythos des heilsamen Tiefschlafes auf. Denn wache Patienten können kooperieren, Rückmeldungen geben, Schmerzen oder Unwohlsein bekunden und auch die Notwendigkeit der durchgeführten Eingriffe erkennen. Damit wird auch die Genesung beschleunigt.

Zu viel Ruhe kontraproduktiv

Inaktivität führt zu einem Abbau der Muskulatur, die in der Rehabilitation erst wieder mühsam trainiert werden muss. Zwischen Schlaf- und Wachzustand kann es zudem zu wahnhaften Erlebnissen oder auch Halluzinationen kommen.
Die "Gewalterfahrung" durch die medizinischen Eingriffe wie der Intubation oder dem Legen eines Katheters in einem Zustand der Hilflosigkeit hat zudem Folgen: Bei 20 Prozent der Patienten führt eine solche Langzeitnarkose zu einer posttraumatischen Belastungsstörung. So ist man in der gegenwärtigen intensivmedizinischen Betreuung bemüht, individuelle Therapieschemata anzuwenden und die Sedierung so kurz wie möglich zu halten.

Wachkoma, Minimally Conscious State und Locked-in-Syndrom

Nach einem komatösen Zustand, vor allem nach Schädel-Hirn-Traumata, erreichen zudem nicht alle Patienten wieder den vollen Bewusstseinszustand und es kann sich ein Wachkoma entwickeln. Die Betroffenen beginnen zwar die Augen zu öffnen, können jedoch nach wie vor nicht oder nur minimal mit der Umwelt interagieren. Rund 800 Menschen in Österreich befinden sich in diesem "vegetativen" Zustand. Die Abgrenzung zum sogenannten Minimally Conscious State, der Begriff beschreibt ein minimal vorhandenes Bewusstsein, ist trotz digitaler Bildgebung schwierig. Die Rate an Fehldiagnosen erschreckend hoch.
Eine besondere Spielart stellt das Locked-in-Syndrom (Gefangensein-Syndrom)dar, bei dem durch eine Schädigung des Hirnstammes die willkürliche Motorik fast komplett ausgeschaltet, der Betroffene jedoch bei vollem Bewusstsein ist. Die Kommunikation mit der Außenwelt ist lediglich durch Augenbewegungen möglich.

Zeit des Erwachens

Die meisten Angehörigen geben die Hoffnung bei Wachkoma-Patientinnen und -Patienten nicht auf und klammern sich an kleinste Regungen und vermeintliche Reaktionen. "Aus einem Koma wacht man jedoch nicht so ohne weiteres auf", relativiert der Neurologe Gerald Pichler von der Österreichischen Wachkoma-Gesellschaft. "Wie bei einem Lichtschalter das Bewusstsein wieder anzuknipsen, funktioniert so nicht." Es brauche seine Zeit und die Fortschritte sind oft nur sehr diskret zu erkennen.

Dr. Ronny Tekal spricht mit seinen Gästen über die verschiedenen Zustände der Bewusstlosigkeit und gibt Einblicke in die Welt zwischen Traum und Wirklichkeit.

Moderation: Dr. Ronny Tekal
Sendungsvorbereitung: Dr. Ronny Tekal
Redaktion: Dr. Christoph Leprich und Lydia Sprinzl, MA

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Kennen Sie Personen, die aufgrund einer Covid-19 Erkrankung in Narkose versetzt wurden?

Waren Sie selbst auf einer Intensivstation in einer Langzeitnarkose?

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Haben Sie einen Angehörigen, der sich im Zustand des Wachkomas befindet?

Welche Hilfestellung würden Sie sich wünschen?

Service

Studiogast:

Assoc.-Prof.in Dr.in Eva Schaden
Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin, Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI)
Klinische Abteilung für allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin
AKH Wien/Meduni Wien
Währinger Gürtel 18-20
1090 Wien
Tel: +43/1/40400 41070
E-Mail
Homepage

Gäste am Telefon:

Prim. Dr. Gerald Pichler
Facharzt für Neurologie
Erster Vorsitzender der Österreichischen Wachkoma-Gesellschaft
Leiter der Abteilung für Neurologie
Albert Schweitzer Klinik
Albert-Schweitzer-Gasse 36
8020 Graz
Tel.: +43 316/ 7060 1999
E-Mail
Homepage

Michaela Willig
Ehemalige Koma-Patientin
Pädagogin, Diplomierte Mentaltrainerin, Burn-out-Präventions-Trainerin
Praxis R22
Rennweg 22/14
1030 Wien
Tel: +43/699/100 20 304
E-Mail
Homepage

Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Österreichische Wachkoma-Gesellschaft
Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin
"Künstlicher Tiefschlaf" (KH Barmherzige Brüder Wien)
An der Schwelle zwischen Schmerz und Traum (Spiegel Gesundheit, 2019)
Intensivmedizinische Versorgung im Spital (Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs)
"Kein Patient wacht nach 27 Jahren einfach aus dem Koma auf" ((Spiegel Gesundheit, 2019)
TV-Beitrag: Sedierungsfreie Intensivmedizin Uniklinik Freiburg (SWR 2017)
Künstliches Koma: Wie lange maximal möglich (Focus, 2018)
Selpers gratis Onlinekurs: Betreuung auf der Intensivstation

Buch-Tipps:

Anita Steinbach, Johann Donis, "Langzeitbetreuung Wachkoma: Eine Herausforderung für Betreuende und Angehörige", Springer 2019

Jürgen Drebes, "Ratgeber Wachkoma: für Angehörige und Betreuende", Springer 2021

Sabine Foraboschi, "So lange ich schlief: Einmal Wachkoma und zurück", Bookmundo Direct 2019

Anna-Maria Wohlgemut, "Koma Tagebuch - Deine Reise zurück zu uns: Tagebuch für Angehörige und Pflegende an eine schwere Zeit", Independently published 2019

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