Verblühender Löwenzahn

APA/DPA/JULIAN STRATENSCHULTE

Radiodoktor - Medizin und Gesundheit

Endlich anfallsfrei? Neue Ansätze der Epilepsie-Behandlung

Rund 80.000 Österreicherinnen und Österreicher leiden an Epilepsie. Die bekannt typischen, krampfartigen Anfälle, die in der Regel einige Sekunden oder auch Minuten dauern, sind jedoch nur eine Spielart dieser Erkrankung. Je nach Lokalisation der auslösenden Gehirnregion kann es neben einem generalisierten Krampfgeschehen auch zu Wahrnehmungsstörungen bzw. Veränderungen des Bewusstseins kommen, die sich als "Absencen" äußern. Allen gemein ist eine plötzliche, extreme Aktivitätssteigerung des zentralen Nervensystems und eine erhöhte Neigung von Nervenzellen zu synchronen Entladungen. Aufgrund der vielfältigen Symptome wurde von der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) eine Systematik erstellt, die das individuelle Geschehen zu einem bestimmten Epilepsie-Syndrom zusammenfasst.

Neue Medikamente in der Pipeline

Meist beginnen die Anfälle bereits vor dem 20. Lebensjahr. Auch wenn sich in rund der Hälfte der Fälle keine Ursache finden lässt, kann man bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie bei vielen Patientinnen und Patienten eine Anfallsfreiheit erreichen. Dennoch wirken die Medikamente bei mehr als einem Drittel der Betroffenen nur unzureichend, wie Christoph Baumgartner vom Krankenhaus Hietzing erklärt. Eine maßgeschneiderte Behandlung umfasst einerseits eine anfallsspezifische, eine Epilepsiesyndrom-spezifische, sowie eine individualisierte genspezifische Therapie.
Hier stehen Substanzen mit neuen Wirkmechanismen zur Verfügung, die bei fokalen Epilepsien zusätzlich zur laufenden Therapie gegeben werden können. Auch Cannabidiol (CBD) ist ein Kandidat zur Reduktion der Anfallshäufigkeit: Für bestimmte, seltene Formen der Epilepsie, wurde die Substanz in mehreren Studien erfolgreich getestet.
Nach wie vor ist jedoch vor allem eine gute Diagnostik zur Anfallsprophylaxe entscheidend, so Baumgarnter. Neben dem oberflächlichen EEG lassen sich als "elektronische Biomarker" auch Tiefenelektroden im Gehirn oder unter der Gehirnhaut implantierten, um genauere Ergebnisse zu bekommen. Zusehends setzen sich auch Wearables durch, die über die Messung von Herzfrequenz, Körperbeschleunigung oder Hautleitfähigkeit einen Anfall vorhersagen und den Patienten warnen können.

Durch Operation zur Anfallsfreiheit

Auch die Epilepsie-Chirurgie gibt mittlerweile Anlass zur Hoffnung. Therapierefraktäre Patientinnen und Patienten können mittels Operation anfallsfrei werden. Dies gelingt allerdings nur bei sogenannten fokalen Epilepsien, wo ein umschriebenes geschädigtes Gehirnareal als Auslöser dingfest gemacht werden kann. Karl Rössler ist Leiter der Neurochirurgie an der Meduni Wien und Experte für Epilepsiechirurgie: "Durch die moderne Bildgebung lassen sich Herde erkennen, die früher unentdeckt geblieben sind." Neue Lasertechnologien ermöglichen gezielte und sehr präzise Eingriffe. Liegt ein klar definierbarer Herd in einem gut zugänglichen Areal der Großhirnrinde, so kann auch bereits bei Kindern ein neurochirurgischer Eingriff die Anfälle erfolgreich stoppen.
Eine weitere Option bietet die sogenannte Vagusnervstimulation, bei der der 12. Hirnnerv elektrisch gereizt wird und im Gehirn zu einem hemmenden Effekt bei der Anfallsentstehung führt. Der Stimulator dabei wird zwischen Unterhautfettgewebe und Brustmuskel implantiert.
Neben diesen medizinischen Therapien haben sich in den letzten Jahren auch eine Reihe nicht-medikamentöser Strategien etabliert, die von Verhaltenstherapien bis hin zu einer Umstellung der Ernährungsgewohnheiten, wie etwa der ketogenen Diät, reichen.

Nach wie vor Stigmatisierung

Auch wenn die Epilepsie längst nicht mehr als "dämonische Besessenheit" oder Geisteskrankheit gesehen wird, sind viele Betroffene auch heute noch mit Stigmatisierung konfrontiert. So dürfen Schüler mit Epilepsie oft nicht an Skikursen und anderen Veranstaltungen im Schulalltag teilnehmen, wie Eltern betroffener Kinder immer wieder berichten. Zwar dürfen, nach einer Änderung des Amtshaftungsgesetzes vor ein paar Jahren, Lehrer den Kindern Bedarfsmedikamente verabreichen, ohne zu haften (die Republik Österreich übernimmt die Haftung), trotzdem trauen sich viele Pädagoginnen und Pädagogen nicht, die Verantwortung zu übernehmen. Darüber hinaus neigen viele Betroffene auch selbst dazu, ihre Erkrankung zu verheimlichen und ziehen sich sozial zurück.

Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos spricht mit ihren Gästen über die medizinischen und psychosozialen Aspekte der Epilepsie sowie die neuen, vielversprechenden Behandlungsmöglichkeiten.

Moderation: Univ.- Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos
Sendungsvorbereitung: Dr. Ronny Tekal
Redaktion: Dr. Christoph Leprich und Lydia Sprinzl

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Leiden Sie oder einer Ihrer Angehörigen an Epilepsie?

Haben Sie das Gefühl, stigmatisiert zu werden?

Konnte eine operative Therapie bei Ihnen erfolgreich angewendet werden?

Service

Studiogast:

Univ.-Prof. Dr. Karl Rössler
Facharzt für Neurochirurgie
Leiter der Univ. Klinik für Neurochirurgie
Medizinische Universität Wien Allgemeines Krankenhaus
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Tel: +43/1/40400-45650
E-Mail
Homepage: https://www.meduniwien.ac.at/hp/neurochirurgie/Homepage


Gäste am Telefon:

Univ.-Prof. DI Dr. Christoph Baumgartner
Facharzt für Neurologie
Lehrstuhl für Neurologie an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien
Vorstand der 2. Neurologischen Abteilung Klinik Hietzing
Wolkersbergenstraße 1
A-1130 Wien
Tel: +43/1/80110 2505
E-Mail
Homepage

Mag.a Valéry Thiele
Angehörige "Co-Epileptikerin" - Mutter eines epilepsiekranken Sohnes
Vorstandsmitglied des Epilepsie-Dachverbandes Österreich (EDÖ)
Kaltenleutgebnerstraße 24/10.1D
A-1230 Wien
Tel: +43/664/125 47 88
E-Mail
Homepage

Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Epilepsie Dachverband Österreich
Österreichische Gesellschaft für Neurologie
Österreichische Gesellschaft für Epileptologie
Infos zur Epilepsie (minimed)
Epilepsie: Abgrenzung oft schlimmer als Krankheit selbst (der Standard, 2018)
Infos zur Epilepsiechirurgie (Uniklinik Innsbruck)
Gezielte Gentherapie bei Epilepsie (Uniklinik Innsbruck, Charité Berlin)
Medikamentöse Therapie (gesundheitsinformation.de)

Buch-Tipps:

Günter Krämer, "Diagnose Epilepsie: Die Krankheit verstehen. Die besten Therapien nutzen. Den Alltag gestalten.", Trias Verlag 2021

Fe Strack, Xiaying Lin, Martina Schlegl, "Wackelkontakt: Epilepsie bei Kindern leicht erklärt", Hogrefe Verlag 2021

Günter Krämer, Richard Appleton, "Epilepsie: Ein illustriertes Wörterbuch für Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern", Hippocampus Verlag 2018

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