Ein nackter Mann steht zwischen Weintraubenreeben.

AFP/PATRICIA DE MELO MOREIRA

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Radiokolleg - Nacktheit

Eine kulturelle Enthüllung (1). Gestaltung: Daphne Hruby

Menschen haben vor circa 170.000 Jahren begonnen Kleidung zu tragen. Zumindest wenn es nach dem amerikanischen Evolutionsbiologen David Reed geht. Demnach ist der Homo sapiens 130.000 Jahre nackt durch die Welt gewandert.
Warum Menschen begonnen haben ihre Körper zu verhüllen, darüber gibt es unterschiedliche Theorien. Einige Fachleute sehen eine Parallele zu der damals herrschenden Kälteperiode. Gleichzeitig breiteten sich Menschen in dieser Zeit auch in nördlichere Erdteile aus.

Nacktheit genauso wie der Konterpart, die Kleidung waren und sind auch stets kulturell sowie religiös besetzt. In der biblischen Schöpfungsgeschichte steht die Nacktheit symbolisch für Unschuld und Unbewusstsein. Erst nachdem Adam und Eva die verbotene Frucht aßen, begriffen sie, dass sie nackt waren. Ihnen wurde Erkenntnis zuteil, zugleich entwickelten sie Scham und es folgte die Verbannung aus dem Paradies - so die Theologie. In einigen Kulturen Afrikas, Südamerikas, Indiens und Papua-Neuguineas tragen Menschen bis heute kaum bis gar keine Kleidung. Aber auch in westlichen Industrienationen gibt es Freikörperkulturen.

Der kulturell-religiöse Zugang hat Einfluss auf die sexuelle Aufladung gewisser Körperteile. Oft ist es genau das Verborgene, dass den Reiz ausmacht. Gleichzeitig kann Nacktheit auch als gesellschaftspolitisches Symbol und als Instrument des Widerstands dienen. Die Künstlerin Valie Export beispielsweise wollte Ende der 1960er mit ihrem Tapp und Tastkino auf Sexismus aufmerksam machen. Budgeteinsparungen, Tierschutz, künstliche Befruchtung - Menschen lassen aus unterschiedlichsten Motiven provokativ die Hüllen fallen.

Aber ebenso Emotionen und die Psyche können sich unverhüllt darbieten - in Zeiten der Digitalisierung ein großes Thema. Einerseits vollziehen manche Menschen im World-Wide-Web Seelenstripteases, andererseits werden sie dort auch von anderen bloßgestellt.
Im Internet floriert der nackte Kapitalismus. Und zwar nicht nur in Form von pornografischen Bildern und Videos. Es existieren Plattformen auf denen Männer ihre nackten Körperteile von Frauen bewerten lassen. Allgemein gilt: es gibt kaum etwas, was es nicht gibt.
Der Griff zu bestimmten Kleidungsstücken erfolgt teils auch aus hygienischen Motiven. Nacktheit kann aber durchaus auch gesundheitsfördernd wirken.

So wird Vitamin-D etwa über die Haut aufgenommen. Ebenso der Umgang und die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper lassen sich dadurch positiv beeinflussen.
Der Zugang und die Darstellung von Nacktheit ist eine Frage der Zeit und Gesellschaft. Das spiegelt sich in der Kunst genauso wider wie im Sport. Bei den antiken Olympischen Spielen wurden die meisten Wettbewerbe nackt ausgetragen. Nur bei den Pferderennen waren die Athleten bekleidet. Heute herrschen dort strenge Kleindungsvorschriften. Unterdessen hat die Nacktheit andere sportliche Nischen erobert - so gibt es etwa jährlich einen "World Naked Bike Ride".

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