Mann auf einer Parkbank füttert Vögel

APA/DPA/WOLFGANG KUMM

Radiodoktor - Medizin und Gesundheit

Neue Strategien beim Prostatakarzinom

Männer gelten tendenziell eher als Gesundheitsmuffel. In Bezug auf den Prostatakrebs sollte man jedoch, im wahrsten Sinn des Wortes, zur "Vor-Beugung" in die urologische Praxis. Denn der geschulte Urologenfinger im Enddarm vermag, durch die sogenannte "digitale rektale Untersuchung" (DRU) bereits erste Hinweise auf eine krankhaft veränderte Vorsteherdrüse zu liefern.

Keine deutlichen Symptome

Wie bei vielen anderen Krebsarten machen sich die bösartigen Veränderungen in der männlichen Vorsteherdrüse lange Zeit nicht bemerkbar. Allerdings erhält in Österreich jeder siebente Mann im Laufe seines Lebens die Diagnose Prostatakrebs. Die Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Urologie empfehlen allen Männern ab dem 50. Lebensjahr sich einem Prostata-Check zu unterziehen. Hierzulande rät man dies bereits fünf Jahre zuvor zu tun. Um die Zielgruppe dafür zu gewinnen, engagieren sich Initiativen wie der "Movember" für die Tabuthemen der Männergesundheit. Ein anderes Beispiel ist die heimische Aktion "Loose Tie" - sie fordert zum Lockern der Krawatte auf, um sich Zeit für einen wichtigen Termin, das Lockern der Hose, und damit die Prostatauntersuchung, zu nehmen.

Umfangreiche Diagnostik am Beginn

Zwar lässt sich auch ein Bluttest machen, doch der viel zitierte PSA-Wert, bei dem man die Höhe des Prostata-spezifische Antigens bestimmt, wird als Screening-Methode in vielen Ländern hinterfragt. Schließlich sind dabei falsch positive Ergebnisse und eventuell unnötige Biopsien bzw. Operationen nicht ausgeschlossen.
Auch der Ultraschall liefert nicht immer Klarheit.
Die Kombination mit einer Magnetresonanztomografie sei eine sinnvolle Option, so der Urologe Gero Kramer von der Meduni Wien. Sind bei dieser multiparametrischen MRT-Untersuchung auffällige Bereiche zu erkennen, werden gezielt Gewebeproben mit einer Biopsie bzw. einer Kombination von Ultraschall und MRT (Fusionsbiopsie) entnommen.
Eine weitere zielgerichtete Methode zum Aufspüren von Tumorgewebe ist die PSMA-PET-CT Diagnostik. Das Eiweißmolekül "Prostata-spezifisches-Membran-Antigen" (PSMA) wird auf der Oberfläche von Prostatakarzinom-Zellen vermehrt gebildet und kann daher sehr gut für die Bildgebung genutzt werden.
Zur Abschätzung eines möglicherweise erhöhten, individuellen Risikos gibt es den Prostatakrebs-Gentest (eine relativ neue Möglichkeit), um bei Bedarf auch in jüngeren Jahren bzw. auch häufiger zur Vorsorge zu gehen.
All diese Tools helfen dabei, eine Über- bzw. Unterbehandlung des Karzinoms zu verhindern.

Heilung in vielen Fällen möglich

Die radikale Prostatektomie, also die komplette Entfernung des erkrankten Organs und die externe Bestrahlung stellen die gängigsten Therapien dar. Mittlerweile haben sich jedoch auch andere Behandlungsformen etabliert: Neben neuen gentechnologisch hergestellten Therapeutika und der Behandlung bereits fortgeschrittener Krebsformen mit monoklonalen Antikörpern findet die strahlentherapeutische Radio-Liganden-Therapie (RLT) mittels Lutetium-177 (Lu-177) markierten PSMA Antagonisten in einigen Fällen Anwendung.
Als Alternative zur Operation steht die HIFU (High Intensity Focused Ultrasound) zur Verfügung. Bei dieser minimal-invasiven Methode zur lokalen Behandlung des Prostatakarzinoms werden hochenergetische, gebündelte Schallwellen über eine im Rektum platzierte Ultraschallsonde auf die Prostata fokussiert. Damit lassen sich punktgenaue Hitze-Areale in einem zuvor definierten Gewebebereich erzeugen, um die Tumorzellen zu zerstören.

Patienten mitbeteiligt

Auch wenn in vielen Fällen bei rechtzeitiger Erkennung eine Heilung erzielt werden kann und selbst bei einem bereits metastasierten Tumor vielversprechende therapeutische Optionen existieren, sind die Behandlungen nicht nebenwirkungsfrei: Erektionsstörungen und Inkontinenz sind der Preis, den die Männer oft zu zahlen haben. Nach der chirurgischen Manipulation bzw. der Entfernung der Prostata sind solche Komplikationen leider nach wie vor keine Seltenheit. Ein Umstand, der den Betroffenen auch vermittelt werden sollte, wie der Kabarettist und ehemalige Krebspatient Herbert Steinböck fordert. Denn so glimpflich seine Erkrankung, dank früher Erkennung und Operation, auch verlaufen sei, so wichtig wäre auch die Information gewesen, wie das "Leben danach" aussieht.

Moderation: Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger
Sendungsvorbereitung: Dr. Ronny Tekal
Redaktion: Dr. Christoph Leprich und Lydia Sprinzl, MA

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Nehmen Sie regelmäßig an Vorsorgeuntersuchungen teil?

Wurde bei Ihnen, im Rahmen der Früherkennung, ein Prostatakrebs diagnostiziert?

Wurde bei Ihnen eine neue Therapieoption angewendet?

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Service

Studiogast:

Univ.-Prof. Dr. Gero Kramer
Facharzt für Urologie
Leiter der Prostatakrebs-Ambulanz
Universitätsklinik für Urologie
Medizinische Universität Wien
Allgemeines Krankenhaus
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Tel.: +43/1 40400 26220 60470
E-Mail
Homepage

Gast am Telefon:

Mag. Herbert Steinböck
Kabarettist und Schauspieler
ehem. Prostatakrebs-Patient
Tel.: +43 664 224 13 27
E-Mail
Homepage

Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Deutsche Krebshilfe Broschüre: Prostatakrebs. Antworten, Hilfen, Perspektiven
Informationen der Urologischen Abteilung der Meduni Wien
Österreichische Krebshilfe
Österreichische Gesellschaft für Urologie und Andrologie
Deutscher Krebsinformationsdienst zur Diagnose von Prostatakarzinomen
Initiative Loose Tie
Movember - Rockstars für Männergesundheit
Initiative Patio
Prostata-Krebs-Gentest verstehen (Selpers-Kurs mit Gero Kramer)
Video: Faktencheck Gesundheit mit Eckart von Hirschhausen - Können Männer sich den PSA-Test sparen? (Bertelsmann-Stiftung)

Buch-Tipps:

François Desgrandchamps, "Die Prostata - Gebrauchsanleitung. Alles über Prävention und Behandlung", Südwest Verlag 2019

Christoph Pies, "Fokus Prostata: Antworten zu Prävention - Behandlung - Heilung", Herbig/Franckh-Kosmos Verlag 2021

Michael Roth, Uli Roth, "Hurra, dass wir noch leben! Unsere Mutmach-Story gegen den Prostatakrebs", ZS/Edel 2020

Christoph Pies, "Check-up Mann: Das Praxis-Handbuch zur Männergesundheit", Herbig/Franckh-Kosmos Verlag 2021

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