Mann hält Gesicht in Händen

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Radiokolleg

Radiokolleg - Kopfweh

Eine unterschätzte Beeinträchtigung (2)
Gestaltung: Sophie Menasse, Nadja Kayali

Rund die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher leidet zumindest gelegentlich unter Kopfschmerzen. Mit Migräne haben in etwa 13% der Bevölkerung zu kämpfen. Für viele Betroffene handelt es sich um eine massive Beeinträchtigung, die sie oft tagelang daran hindert, am beruflichen, gesellschaftlichen und familiären Leben teilzunehmen.

Obwohl sie so weit verbreitet sind, werden Kopfschmerzen nach wie vor stark unterschätzt. Erich Kästner schreibt 1931 in Pünktchen und Anton: "Frau Direktor hat eine Migräne: Migräne ist, wenn man eigentlich gar keine Kopfschmerzen hat." Diese Stigmatisierung und Abwertung haben sich bis heute gehalten. Nach wie vor werden Kopfschmerzen allzu oft nicht ernst genommen.

In Gesprächen mit Betroffenen und Expert:innen geht es in diesem Radiokolleg um Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Kopfschmerzen: Was sind Kopfschmerzen überhaupt? Wie und warum entstehen sie? Welche Medikamente gibt es? An welchen Arzt, welche Ärztin wendet man sich? Welche Rolle spielt der Lebensstil? Welche Wege gibt es aus dem Schmerz?

Ebenso geht es aber darum, Wege aus der Stigmatisierung zu finden. Ein besseres Verständnis der Krankheit kann auch zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz führen.

Ein Blick in die Medizingeschichte zeigt, wie sich der Umgang mit und das Wissen über Kopfschmerzen immer wieder verändert hat: Hildegard von Bingen hat ihre Migräne mit Aura als göttliche Visionen gedeutet und geschätzt. Freud hat Migräne psychoanalytisch als Ventil unbewusster Konflikte interpretiert und seine eigenen Kopfwehattacken versucht durch Selbstanalyse zu heilen. Die ältesten Beschreibungen von Symptomen der Migräne finden sich in mesopotamischen Schriften aus der Zeit 3000 v. Chr.

In den letzten 5000 Jahren hat sich viel verändert, aber eines zeigt sich immer wieder: die Schmerzerfahrung ist radikal subjektiv: Neurolog:innen sind für Diagnose und Behandlung auf die Beschreibungen und Erfahrungsberichte ihrer Patient:innen angewiesen. Virgina Woolf schreibt "We can describe the thoughts of Hamlet, but we cannot describe a migraine." Die komplexesten Gedanken können wir in Worte fassen, aber die Schmerzerfahrung der Migräne entzieht sich der Mitteilbarkeit durch Sprache. Viele Migränepatient:innen greifen daher lieber zum Pinsel und nutzen die so entstandenen Kunstwerke als Kommunikationshilfe. Migraine Art ermöglicht es den Betroffenen ihre Erfahrungen sichtbar und vermittelbar zu machen und kann somit sogar bei der Diagnose helfen.
Umgekehrt lässt sich auch in vielen wichtigen Werken der Kunstgeschichte ein Migräne-bezug entdecken: von Van Gogh über Tolstoi bis Wagner. Sie und viele andere ermöglichen es, Migräne sichtbar, hörbar, nachvollziehbar zu machen. Und wenn es endlich gelingt, mehr über die Volkskrankheit Kopfschmerzen zu sprechen, wird sie vielleicht in Zukunft auch ernster genommen. Dann lassen sich vielleicht endlich Wege nicht nur aus dem Schmerz sondern auch aus dem Stigma finden.

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