Dominik Barta

ZSOLNAY/LEONHARD HILZENSAUER

Gedanken für den Tag

Dominik Barta über Nähe

"Nähe und Nachbarschaft" von Dominik Barta, Schriftsteller

Die Corona-Pandemie hat uns den Bedeutungsumfang der Begriffe "Nähe" und "Nachbarschaft" wieder deutlich ins Bewusstsein gerufen. Etymologisch sind "Nähe" und "Nachbarschaft" verwandte Begriffe, insofern der "Nachbar" im Alt- und Mittelhochdeutschen einfach jene Person ist, die "nah/in der Nähe lebt".

Die Pandemie hat die "Nähe" anderer Menschen als Desiderat und als Problem fühlbar gemacht. Wir haben die "Nähe" von Menschen herbeigesehnt, wenn wir alleine in unseren Wohnungen saßen, niemanden mehr berührten und von niemandem mehr berührt wurden. Gleichzeitig haben wir die "Nähe" aber als Problem empfunden, wenn uns die anderen in der U-Bahn oder im Supermarkt plötzlich "viel zu nah" gerückt sind.

So wie "Nähe" während der Krise zu einem ambivalenten Beziehungsmodus wurde, so wurden auch die Nachbarn im Haus oder in der Siedlung zu zwiespältigen Figuren. Einerseits konnten wir gelockdowned, eingesperrt und einsam Trost darin finden, dass gleich hinter der nächsten Mauer ein lebendiger Mitmensch sein Dasein hat. Es hat uns gefreut, die Nachbarskinder im Garten spielen zu sehen und im Flur die vertrauten Schritte der Nachbarin zu hören. Andererseits sind uns die Nachbarn mit der Zeit aber auch unendlich auf die Nerven gegangen. Ihr stundenlanges Geigenspiel hat uns zur Weißglut gebracht und die nächtlichen Partys der angrenzenden WG empfand man als Frechheit.

So hat die Pandemie im Guten wie im Schlechten ins Bewusstsein geführt, dass gleich neben uns der Einzugsbereich der anderen ist, dass die uns umgebende Welt ganz nah an uns heranreicht und unsere sogenannte Individualität oder Intimität nur von einem hauchdünnen Schleier abgeschirmt oder begrenzt wird, der sich als überaus verletzlich erweist.

Service

Dominik Barta, "Vom Land", Zsolnay 2020
Dominik Barta, "Tür an Tür", Zsolnay 2022

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Igor Strawinsky 1882 - 1971
Bearbeiter/Bearbeiterin: Olli Mustonen geb.1967
Album: STRAWINSKYS MUSIK FÜR VIOLINE UND KLAVIER
Titel: Tango - für Violine und Klavier
Solist/Solistin: Isabelle van Keulen
Solist/Solistin: Olli Mustonen
Länge: 02:00 min
Label: Philips 4209532

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