Radiokolleg

Radiokolleg - Geplanter Zufall

Der Komponist John Cage (1)
Gestaltung: Andreas Maurer

4'33'' ist ein Werk ohne Töne und dennoch eines der am häufigsten kopierten Stücke der Musikgeschichte. Dabei wollte sein Schöpfer eigentlich gar nicht Komponist werden. John Cage (1912-1992) interessiert sich zunächst für Architektur und Literatur, bricht seine Studien dann aber ab, um quer durch Europa zu reisen. Pilze faszinieren den Mykologen zu Beginn scheinbar mehr als die Tonkunst, später wird einer sogar einer seinen Namen tragen - der "cortinarius cagei".

Beeinflusst von seinem Lehrer Arnold Schönberg setzt der Suchende auf Mallorca dann erste Kompositionen aufs Papier. Schnell tauscht Cage aber die geordnete Mathematik der Zwölftöner gegen das Prinzip des Zufalls. Chinesische Orakelbücher wie das "I-Ging" oder Würfelspiele bestimmen fortan den weiteren Verlauf der Melodien, das Los formt das musikalische Geschick. Der Schaffensprozess wird für Cage sogar wichtiger als das fertige Werk, der Weg zum eigentlichen Ziel.

Immer mehr entschleunigt sich die Bewegungsenergie in den Werken des Hobby-Buddhisten, bis Cage nicht nur das stillste, sondern auch längste Musikstück der Geschichte konzipiert: 2001 hat "ORGAN2/ASLAP (as slow as possible)" in Halberstadt/Sachsen-Anhalt begonnen, die letzten Töne dieses Langzeitexperiments werden für das Jahr 2640 erwartet.

Mit musikalischen Readymades schlägt Cage in seiner Arbeit auch die Brücke zur bildenden Kunst, visualisiert Klänge in grafischen Siebdrucken, rhythmisiert Gedichte und inszeniert das erste "Happening" der Kunstgeschichte. Scheinbar ebenso zufällig hilft ihm ein Kuchenteller bei der Erfindung des präparierten Klaviers.

1992 stirbt das Multitalent in New York. Nach wie vor zählen die Arbeiten von John Cage zu den Schlüsselwerken der Neuen Musik und der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Und vielleicht war doch nicht alles Zufall ...

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