Pinchas Lapide

Pinchas Lapide - PICTUREDESK.COM/DPA/MARTINA HELLMANN

Zwischenruf

Pinchas Lapide

Martin Jäggle, Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, über Pinchas Lapide, anlässlich dessen 100. Geburtstages

Morgen, am 28. November vor 100 Jahren ist in einer Wiener jüdischen Familie Erwin Pinchas Spitzer zur Welt gekommen. Der Sohn von Alexander Elijahu und Berta Sara Spitzer ist im damaligen Wiener Zentrum jüdischen Lebens aufgewachsen, der Mazzesinsel, wie die Leopoldstadt etwas abschätzig genannt worden ist.

Als 16-Jähriger wurde er nach der nationalsozialistischen Machtergreifung aus seiner Heimat vertrieben. Nach einer abenteuerlichen Flucht hat er im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina Aufnahme gefunden und in Israel Heimat. Dort hat er dann den Namen Lapide angenommen, den germanischen Namen Erwin abgelegt und ist als Pinchas Lapide ein großer Brückenbauer zwischen Juden und Christen geworden.

Der Name Lapide leitet sich vom hebräischen Wort für Fackel ab. Im biblischen Buch Jesaja (62,1) heißt es: "Um Zions willen werde ich nicht schweigen, um Jerusalems willen werde ich nicht still sein, bis hervorbricht wie ein helles Licht seine Gerechtigkeit und sein Heil wie eine brennende Fackel." Lapide wollte "Fackel und Lichtträger" sein mit einer durchaus kämpferischen Haltung, wie sein Sohn Yuval erklärt, der sein Erbe weiterführt und wichtige Publikationen wieder zugänglich macht.

Pinchas Lapide war jüdischer Neutestamentler, der in den Evangelien eine "Urkunde jüdischen Glaubens" sah, "die von gläubigen Juden, für vorerst gläubige Juden, über Juden verfasst worden ist". Gemeinsam mit seiner Frau Ruth hat er sich im Glaubens-dialog mit Christen und Christinnen engagiert, damit diese ihre jüdischen Wurzeln entdecken, Jesus als Juden kennenlernen und das Neue Testament in all seiner hebräischen Wort- und Gedankenwelt besser verstehen. Er hat eine Rückbesinnung auf das biblische Ethos verlangt, wie es der Prophet Jesaja formuliert: "Das Gute tun, Recht schaffen, Unterdrückten helfen."

Pinchas und Ruth Lapide sind mit ihrem Sohn Yuval 1974 auf Einladung der evangelischen Kirche Hessen-Nassau nach Deutschland gegangen und haben sich in Frankfurt am Main niedergelassen. "Wenn nicht wir, wer dann," hat Ruth Lapide später gesagt, "um die Menschen dort aufzuklären, wo die Wurzel des Übels war und eine Versöhnung zwischen Christen und Juden dringender denn je gebraucht wird, damit sich solch ein Übel niemals wiederhole."

Mir selbst haben die Veröffentlichungen von Pinchas Lapide geholfen, die Evangelien im größeren jüdischen Horizont zu lesen und tiefer zu verstehen. Wenn das Schweizerische Katholische Bibelwerk anregt, die Sonntagsevangelien als jüdische Texte zu lesen, dann war Pinchas Lapide dafür ein wichtiger Wegbereiter. Wenn Bischof Manfred Scheuer darauf hinweist, dass Jesus ohne sein Judentum für Christen nicht zu haben ist, dann hat auch Pinchas Lapide den Boden dafür bereitet.

"Vor allem benötigen wir den Dialog", hat Lapide im Jahre 1985 geschrieben, "um gemeinsam unsere biblische Aufgabe zu erfüllen, die heute mehr denn je in der Bewahrung der Schöpfung besteht, in der Wahrung von Menschenwürde und Menschenrechten überall und im Aufbau jenes Schalom, der die Kriegsgefahren unserer Tage durch unser Beispiel gelebter Entfeindung und versöhnter Eintracht-in-der-Vielfalt zu entschärfen gewillt ist."

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