Zwischenruf

Bibelübersetzungen

Jutta Henner, die Direktorin der österreichischen Bibelgesellschaft, zeigt, wie Bibelübersetzungen Sprache und Kultur prägen

"Wenn die Bibel in die Sprache eines Volkes übersetzt wird, dringt die Botschaft Gottes direkt in die Herzen der Menschen ein." So formuliert es ein Mitarbeiter an der Übersetzung des Neuen Testaments in einen angolanischen Dialekt. Er berichtet davon, wie sehr ihn diese Tätigkeit erfüllt: "Wenn ich jetzt das Neue Testament in meiner Muttersprache lese, berührt mich seine Botschaft."

Ähnliche Erfahrungen machen Menschen rund um den Globus, wenn erstmals die Bibel oder ein Teil davon in ihre Sprache übersetzt worden ist. In 3.523 der weltweit 7.376 Sprachen gibt es schon eine Übersetzung zumindest eines Teils der Bibel; in immerhin 719 Sprachen davon bereits eine vollständige Bibelübersetzung.

Im September 1522 erschien in Wittenberg das "Neue Testament Deutsch", ein Bestseller und ein Medienereignis, vor allem aber ein Meisterwerk der deutschen Sprache. Das Erscheinen dieses sogenannten "Septembertestaments" aus der Feder Martin Luthers war die Geburtsstunde moderner Bibelübersetzung. Zwar war es nicht die erste Bibelübersetzung ins Deutsche. Doch Luthers Übersetzung war exakter, indem sie aus dem griechischen Grundtext und nicht aus der lateinischen Übersetzung übersetzte. Vor allem aber hatte sie die Zielsprache und damit die Leserinnen und Leser im Blick: Verständlichkeit war das zentrale Anliegen.

Luther gab dem Sinn den Vorrang gegenüber einer wortwörtlichen Übersetzung. Er sprach davon, dass man den Menschen "aufs Maul schauen" solle, damit sie eine Übersetzung auch verstehen. Mit der Verwendung der sächsischen Kanzleisprache gelang es Luther, eine Sprache zu finden, die im gesamten deutschen Sprachraum verständlich war. Er schuf prägnante Formulierungen wie"sein Kreuz tragen" oder neue Worte wie "Herzeleid". Durch ihre weite Verbreitung prägte und prägt Luthers Bibelübersetzung nachhaltig nicht nur die evangelische Frömmigkeit, sondern eben auch die deutsche Sprache und Kultur.

Seit der Reformationszeit sorgen Bibelübersetzungen überall auf der Welt dafür, dass die biblische Botschaft für ihre Leserinnen und Leser vertrauter und verständlicher wird. Bibelübersetzungen prägen dabei auch Sprache und Kultur, eröffnen Bildungschancen und schenken Identität. Der Reformator Primus Truber übersetzte im 16. Jahrhundert Teile der Bibel ins Slowenische, und schuf dadurch die slowenische Schriftsprache. Der Reformator Mikael Agricola begründete mit seiner Übersetzung der Bibel ins Finnische die finnische Literatursprache.

Heute dient eine Bibelübersetzung nicht selten überhaupt der Verschriftlichung und damit auch dem Erhalt einer Sprache. Alphabetisierungskurse, die mit den biblischen Texten angeboten werden, sorgen für Bildung und Herzensbildung. Bibelübersetzung bleibt eine wichtige Aufgabe, denn in 3.852 Sprachen gibt es noch keine Übersetzung auch nur eines Teiles der Bibel. Dazu gehören auch zahlreiche der weltweit anerkannten Gebärdensprachen für gehörlose Menschen. Mit diesen wie mit Bibelausgaben in Braille-Schrift für blinde Menschen wird zudem ein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion gesetzt.

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Herbert Grönemeyer
Album: COME TOGETHER - A TRIBUTE TO BRAVO
Titel: Kinder an die Macht
Solist/Solistin: Christina Stürmer /Gesang m.Begl.
Länge: 03:18 min
Label: Polydor/Universal 9843546

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