Radiogeschichten

David Foster Wallace: Vom Erschrecken

"Der Spiegel der Natur - Eine Kritik der Philosophie" von David Foster Wallace. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach. Es liest Michael Dangl.

Ein Mann begleitet seine Mutter zum Büro ihres Rechtsanwalts. Es gilt sich einen strategisch klugen Sitzplatz im Bus zu sichern, denn die Leute reagieren auf den Anblick der Mutter recht emotional. Der Grund ist derselbe, warum man den Anwalt aufsucht: eine verpfuschte Schönheitsoperation hat ihr Gesicht erstarren lassen - zu einem dauerhaften Ausdruck blanken Entsetzens.

Während der Busfahrt sinniert der gerade aus der Haft entlassene Sohn seinem eigenen verlorenen Prozess nach: ein neunjähriger Bub war durch sein Garagendach gebrochen und in sein Spinnen-Terrarium gefallen, mitten zwischen schwarze Witwen, Rotrücken- und Spei-Spinnen. Der Rest der Population befindet sich in einer schwarzen Aktentasche auf seinem Schoß.

In einem in Gedankensprüngen dahinrasenden Bewusstseinsstrom stellt David Foster Wallace den sinnentleerten Ausdruck des Erschreckens assoziativ neben die Faszination über eine Spezies, die dafür bekannt ist, Phobien auszulösen. Nebenbei entsteht auch eine Satire auf die amerikanische Prozess-Manie.

David Foster Wallace, geboren 1962 in Ithaca, New York, war Tenniswunderkind, promovierter Mathematiker und Philosoph, Hochschullehrer, Junkie und depressiver Kultschriftsteller. Mit seinem 1996 veröffentlichten Roman "Infinite Jest" ("Unendlicher Spaß") hat er der Unterhaltungsgesellschaft einen monumentalen Zerrspiegel vorgehalten. 2008 nahm er sich 46-jährig das Leben.

Gestaltung: Gudrun Hamböck

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"Der Spiegel der Natur - Eine Kritik der Philosophie" aus: "David Foster Wallace: Vergessenheit". Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach und Marcus Ingendaay. Kiepenheuer & Witsch, 2008.

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