Ö1 Kunstsonntag: Radiokunst - Kunstradio

Suche nach dem Paradies in der Mähmaschinenausstellung

"Break Eden", ein Hörspiel der Autorin Lisa Spalt und des Komponisten Clemens Gadenstätter

Michel de Certeau spricht in seinem Band "Die Kunst des Handelns" unter anderem von städtischen Strukturen: Sie werden von höherer Stelle geplant und errichtet. Die Bevölkerung nutzt sie jedoch oft auf ganz unerwartete Weise. So wird das Trennelement der Mauer zur Sitzgelegenheit umgedeutet und dadurch ausgerechnet zum Ort der Begegnung.

Der Titel "Break Eden" verweist auf solche Taktiken der Aneignung. Ein Bau- und Gartenparadies, dessen wirtschaftliche Rentabilität am "Break-even-point" erreicht wäre, wird umfunktioniert - mehr oder weniger rückbezogen auf den eigentlichen Gedanken des ultimativen Ortes der Sehnsucht. Im Sinne einer Bricolage versammelt der Text alte Rezepte und Ordnungen, indem er Zitate Hölderlins, Shelleys, Boccaccios und vieler anderer verwurstet und sie wie die Pfefferschote durch das Gericht der Gegenwart schleppt. Die Musik steigt, Material aus den Texten saugend, ein. So zieht das Publikum im Stück den einsamen Dichter durch die Mähmaschinenausstellung; dokumentarische Klänge, die der Text vorschlägt, werden durchs feine Gewebe der Keyboardstimme gesiebt, die Grenzen zwischen natürlichem und gefaktem Singen verschwimmen wie die zwischen Mensch und Produkt, Elektronik und Pflanze.

Auch Zeitstrukturen werden aus der Sprache extrahiert, um das Gerippe für Musik zu bilden, die sich an den so ganz anderen Rhythmen des Sprechens bricht, und dieses beschwört frech zwei englische Hausfrauen als (unfreiwillige) Erfinderinnen des photosynthetischen Menschen. Schließlich geraten als eine Art Live-Einbruch von Realität die Stimmen des Pianisten und der Autorin in die Text-Gestaltung der Sängerin. Wie spät ist es? Wir haben Gegenwart. Wir tun, was wir können, um in der Erzeugung dieses Paradieses zusammenzuwirken, und zwar mit dem Slapstick-Humor derer, die nur noch versuchen können, in einer selbst eingebrockten Situation ein Minimum an Würde zu bewahren. Bruch und Verschmelzung sind als Pole desselben nicht zu trennen.

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